Von Hans Platschek

Picasso hat einmal gesagt, ein gutes Bild unter lauter schlechten Bildern wird ein schlechtes Bild. Wer Guttusos Arbeiten in der zusammengeschusterten, meistens mit abgemalten Photos bestückten Hamburger Realistenschau gesehen hat, mußte sich die Frage stellen, was an diesem Maler, dem Realisten der ersten Stunde, dem Kommunisten und, nicht zuletzt, dem denkkräftigen Mann eigentlich dran sei. Es stimmt schon, in Köln hat es vor kurzem eine umfassende Guttuso-Ausstellung gegeben, die andere Eindrücke vermitteln konnte, und Michael Hertz hat in Bremen das eindrucksvolle „Café Greco“ gezeigt.

In einem positiven Sinn nämlich ist der Maler Guttuso eine komplexe Gestalt: Seine Bilder sind vom Thematischen und vom Technischen her durchdacht; oft haben sie etwas von einem Manifest an sich, das aber, wie Guttuso sagt, weniger eine Ideologie als eine Philosophie zur Schau tragen soll. Entscheidend ist das Selbstbewußtsein und die Unbefangenheit, mit der Malerei hier den Rang einer Sprache und einer Gegenständlichkeit annimmt. Die Pinselarbeit ist für Guttuso kein Frondienst, geleistet von einem durchs Fernsehen, durch Photos und eine ganze Medienmythologie verstörten Underdog; sie ist ein „konkretes Ausdrücken einer konkreten Welt von Dingen und Menschen, die greifbar sind für unsere Diskussionen, unsere Gedanken; keine Vergötterung in einer modernen, antihumanistischen Welt, sondern Kultur, die sich in unseren großen und kleinen Aktionen ausdrückt“.

Der Satz steht in einem Aufsatzband von –

Renato Guttuso: „Das Handwerk der Maler – Schriften über Kunst und Gesellschaft“; Propyläen Verlag, Berlin, 1978; 164 S., 29,80 DM

der Erwägungen und Notizen bewußt als solche, als Diskussionsmaterial, vorlegt. Guttuso unterzieht mit einer natürlichen Autorität nicht nur einzelne Phänomene der modernen Kunst, sondern auch die eigene Arbeit einer umsichtig operierenden Kritik: Er spricht der abstrakten und der informellen Malerei zum Beispiel nicht die Daseinsberechtigung ab, er interpretiert sie aber als krisenhaften Widerschein. Den von Saison zu Saison wechselnden Offerten der Neo-Avantgarde hält er die „figurative Antwort“ entgegen. So vielzählig nun die Themen und die Motive sind, mit denen sich Guttuso befaßt, es schälen sich beim näheren Hinsehen drei Leitideen heraus, Beiträge, genau genommen, zu einer Realismus-Debatte, die Glaubenssätze hier und jeden Realismus dort ablehnen, von dem Brecht sagte, er stelle sich als Formsache dar.

Als erstes besteht Guttuso auf einer Selbstverständlichkeit. Der Sozialistische Realismus läßt sich nicht auf ein paar Molotow-Porträts, wie Guttuso es nennt, reduzieren, wobei die Experimente, die sich auf diesem Feld abspielen, aus dem Blickfeld geraten. Solche Experimente hat Guttuso nie gescheut, soweit, daß er sich auch in dem versucht hat, was er als volksdemokratischen Formalismus bezeichnet: Darüber aber urteilt er mit bemerkenswerter Nüchternheit, wenn nicht mit einer untergründigen Ironie. Man macht, so sagt er, von ein paar häßlichen Bildern zuviel Aufhebens, und was ihn betrifft, so dreht er den Spieß um: „Ich beglückwünsche mich selbst zu dem Mut, das ein oder andere schlechte Bild zu malen, und ich danke Stalin, der mir geholfen hat, sie zu schaffen, und der sie gern noch schlechter gehabt hätte. Das war für mich die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren; und auch der einzige Ausweg, jenem Strom zu entgehen, der mich von Picasso zu Wols, von Wols zu Pollock, von Pollock zu Rcthko und von Rothko wer weiß wohin getragen hätte“