Von Hanno Kühnert

Zu seltsamer Stunde und an einem eigenartigen Tag treibt es die Bürger der schweizerischen Stadt Basel auf die Straße: Nach Mitternacht wird es hell in den Schlafstuben, verkleidete Gestalten mit einem unförmigen Paket unter dem Arm treten aus der Tür, andere huschen mit großen Trommeln über die Straßen; Brücken und Plätze rund ums Münster füllen sich mit Menschen. Nachts Punkt vier Straßen; die städtischen Lampen, die Altstadtgassen und Marktplatz beleuchten; Neonlichter, Schaufensterbeleuchtungen – alles erlischt. Ein lautes und murmel geht durch die dichtgedrängte Menschenmenge, an Häuserecken und Einfahrten schallen Kommandos „Marsch!“ und „Uff d’ Pischte!“, Trommler- und Pfeifergruppen, Kolonnen von Masken, ein Heer von großen und kleinen Laternen und schwankenden Leuchtschreinen setzt sich in Bewegung: Der Morgestraich.

Basel beginnt seine Fasnacht zu feiern, die geliebten, ein Jahr lang ersehnten drei Tage und vier Nächte, eine Woche, nachdem die katholischen Länder ihren Karneval, Fasching, ihre Fastnacht mit Aschermittwoch und Aschenkreuz beendeten. In diesem Jahr beginnt der Morgestraich in der Nacht vom 4. auf den 5. März. Die einzige große protestantische Fasnacht der Welt verwandelt eine biedere, geschäftssinnige Stadt von Kaufleuten in skurriles Theater, die Straßen und Plätze in eine Bühne, auf der man sich mit närrischem Ernst, mit geordnetem Humor, mit liebevoller Bissigkeit – selbst darstellt. Die Zuschauer sind ungeliebt, Beifall ist verpönt, der baseldytsche Dialekt beherrscht das Schauspiel, und Entgleisungen wie Schunkeln, Singen, Angeheitertsein oder „Alaaf“-Schreie werden mit wütenden Blicken oder dem Ruf „Halt Di schwobisch Schnuure!“ erstickt.

Kohlrabi, Gurken und Kartoffeln

In der Nacht des Morgestraichs zieht ein Lichterheer durch die dunklen Straßen. Auf den nun Sichtbaren grotesken Masken, die in Gruppen streng formiert marschieren, blitzen kleine Lichter. Die Züge der Basler „Cliquen“ kämpfen sich durch die Straßen. Zuerst drücken Ordner die Zuschauer zurück, damit der breite Lichtkasten mit aufgemalten „Sujets“ durchkann, dieses vorbeischwankende Kunstwerk für drei Tage, kunstvoll bemalt mit Bildern und Sprüchen in drei Monaten. Dahinter marschieren Pfeifer, ihre Querflöten durch eine Maskenöffnung an den Mund haltend; ihr Jubilieren bricht sich an den Häuserwänden. Dann kommt gravitätisch .unter dem Gewicht der Riesenlarve der Tambourmajor, einzeln gehend, phantastisch behängt; nach ihm die Trommler mit dumpfem Rhythmus zum Querflötenton, einer immer wiederkehrenden Melodie. Dahinter traben dann noch oft ein paar begeisterte Zivilisten in wiegendem Gleichschritt, bevor die nächste Clique in noch phantastischeren Kostümen, in noch eigenwilligerer Beleuchtung heranmarschiert. Kreuz und quer durch die Stadt zieht’s nun, die schrille und rumpelnde Musik in den Gassen mischt sich mit dem Stimmengemurmel der andächtigen Zuschauer.

Bis zum Morgengrauen dauert das unheimliche, kaum fröhliche und so beeindruckende Schauspiel, in dem Schweigenmüssen und Lautseindürfen ordentlich verteilt sind, wo Licht, Töne und Formationen von einem Comité geregelt und auf sonderbare Weise wirkungsvoll sind. Dann endet der Gleichschritt irgendwo vor einer Beiz (Kneipe), die angestrengten Marschierer nehmen ihre Larven ab, mischen sich unters Volk, und gemeinsam wärmt man sich mit brauner Mehlsuppe oder Zwiebelkuchen.

Die einen gehen nun notgedrungen zur Arbeit, die Busse aus Deutschland fahren ab. Die anderen aber, die Basler, marschieren weiter. Und nun trifft man, wie in den folgenden beiden Tagen, in der Altstadt kleine Gruppen von Larven, zwei, drei oder vier, oft mit Kindern im gleichen grotesk unheimlichen oder lustig-bunten „Goschdym“, die im Gleichschritt nach Flöte und Trommel unbeirrt stundenlang ihre Kreise ziehen: Sie gässeln.