Für Dietrich Elias, Staatssekretär im Bundespostministerium, ist alles klar: „Weder für den Fernsprechteilnehmer noch für den Haushalt der Deutschen Bundespost wird die verspätete Einführung des elektronischen Wahlsystems für die Fernwahl Konsequenzen haben.“ Das Zeitalter der vollen elektronischen Fernwahl werde zwar jetzt drei bis vier Jahre später beginnen, als noch vor einigen Wochen geplant, durch Rückgriff auf bewährte Techniken und interne Umstellungen ließe sich diese Zeit aber überbrücken.

Die Post war zu neuen Überlegungen gezwungen worden, weil Postlieferant Siemens im Januar seine Planungen umgekrempelt hat: Die bis dahin favorisierte Technik des sogenannten analogen Fernwahlsystems wird nicht weiterverfolgt. Angesichts der rasanten Entwicklung elektronischer Bauelemente wäre sie zum vorgesehenen Einführungszeitpunkt bereits veraltet gewesen. Siemens zog die Konsequenz: Für die telephonische Fernwahl soll jetzt ein – fortschrittlicheres – „digitales“ System entwickelt werden.

Der Münchner Elektrokonzern versucht seitdem, eine positive Interpretation dieses Schritts zu geben (siehe nebenstehende Erklärung). Unumgängliche zeitliche Verzögerungen wurden heruntergespielt. „Erfreut und positiv“ sei die Entscheidung im Unternehmen aufgenommen worden.

Was Siemens verschweigt: Die Federführung für das neue elektronische Wählsystem für die Fernwahl ist den Münchnern damit verlorengegangen. Bis zum Januar nämlich war ein Entwicklungskonsortium unter Führung von Siemens Partner der Post. Jetzt aber fühlt sich das Bundesunternehmen frei: „Wahrscheinlich werden wir das neue System nicht wieder an ein Konsortium vergeben, sondern auf dem Wege der Konkurrenz entwickeln lassen“, erklärt Staatssekretär Elias. Möglich wäre sogar eine Vergabe ins Ausland, aber der Post-Staatssekretär rechnet fest damit, daß ein deutsches Unternehmen zum Zuge kommen wird.

Wichtig ist der Auftrag für die deutsche Industrie nicht nur wegen seines Umfangs von mehr als einer Milliarde Mark. Sie muß mit diesem System auch beweisen, daß sie im internationalen Wettbewerb um neue Technologien mithalten, kann. Elias vergleicht den Übergang von der Elektromechanik zur digitalisierten Elektronik mit „dem Wechsel von der Konstruktion eines Fahrrades zur Entwicklung eines Rennwagens“.

Vor diesem Hintergrund wird auch das Bemühen von Siemens verständlich, die Entscheidung vom Januar so wenig wie möglich zu dramatisieren. Die Kritik an dem Elektrokonzern ist, sofern sie aus den Reihen der Wettbewerber kommt, ebenfalls nicht ohne Eigennutz: Wenn es gelingt, am Image der Münchner zu kratzen, geht vielleicht auch der eine und andere Auftrag in Zukunft nicht nach Bayern.

Siemens reagiert auf der anderen Seite gerade im Bereich Nachrichtentechnik besonders empfindlich auf Vorwürfe: Hier fühlt sich der Elektromulti besonders stark, hier werden darum Fehler besonders ungern eingestanden.