Eigentlich ist das eine Frechheit: Für 1981 wird eine große Preußen-Ausstellung geplant, eine Art Preußenjahr steht ins Haus; viele bereiten sich darauf vor, wollen teilhaben mit Wort, Schrift oder Bild. Und plötzlich ist ein Buch auf dem Markt, das die Schau stiehlt, das fast alles schon vorwegnimmt und womöglich in den Schatten rückt –

Sebastian Haffner: „Preußen ohne Legende – Ein Stern-Buch“; Bildteil von Ulrich Weyland, Hamburg 1978, 358 Seiten, 78,– DM.

Welch deprimierende Konkurrenz für alle, die noch Startlöcher graben! Denn zunächst einmal ist der Bildteil kaum genug zu rühmen. Man sieht: Land und Leute, Dokumente, Glanz und Gloria, Kurfürsten und Könige, Soldaten und Minister, Gelehrte und Künstler. Freilich kaum die Armen und Gedrückten. Sei’s drum: Solch eine „Ausstellung“ gab es noch kaum; es wird schwer sein, sie zu überbieten. Sie allein schon macht den großformatigen Band preiswert.

Aber glanzvoll ist auch und erst recht Sebastian Haffners Text. Geschrieben sozusagen in engagierter Distanz, in einer leidenschaftlichen Nüchternheit und Rationalität, lapidar, repräsentiert er selber, wovon er handelt: preußischen Stil. Als großer Essay angelegt, vom „langen Werden“ bis zum „langen“ Sterben“ in sieben Kapitel gegliedert, zielt er aufs Wesentliche. Haffner fragt nach der Staatsräson des puren Staates, prüft die Tragfähigkeit seiner Fundamente und Untersucht die Ursachen seiner Tragödie. Eine Probe:

„Preußen hatte keine deutsche Sendung; im Gegenteil, der Verfall des Reichs war Preußens Aufstieg; und zur unmittelbaren Todesursache Preußens wurde, daß es sich eine deutsche Sendung aufreden ließ. Was es seinen Nachbarn lange Zeit unheimlich und manchmal gefährlich machte, war viel weniger seine Armee als die Qualität seiner Staatlichkeit: seine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung. Preußen war in seiner klassischen Epoche, dem 18. Jahrhundert, ganz einfach nicht nur der neueste, sondern auch der modernste Staat Europas. Seine Krise begann, als die Französische Revolution es in der Modernität überrollte. Von da an zeigen sich die Schwächen der preußischen Staatskonstruktion, und es beginnt die Suche nach einer neuen Legitimation, die schließlich mit einem triumphalen Selbstmord endet.“

Damit wird im Vorwort fast schon der ganze Sachverhalt skizziert. Preußen – das ist zunächst ein eher obskures, recht zufällig zusammengebrachtes, territorial zerrissenes Herrschaftsgebilde der Hohenzollern. Daraus folgt alles andere: Um wirklich Staat zu werden, muß Preußen wachsen, sich arrondieren; dazu braucht es eine große und schlagkräftige Armee; zu ihrer Unterhaltung ist eine leistungsfähige, im Sinne des suum cuique gerechte Verwaltung unerläßlich, auf Steuerkraft, also auf Wirtschaftsförderung bedacht; dazu wiederum sind Menschen nötig, die das durch Krieg und Pest entvölkerte Land füllen; die Menschen gewinnt man durch eine kühl kalkulierte „Nebenbei-Menschenfreundlichkeit“, durch die oktroyierte Toleranz. Den Untertanen war sie kaum verständlich, harter Zwang; es gibt „Märtyrer der Toleranz“, wie den frommen Liederdichter Paul Gerhardt. Aber Toleranz öffnet das Land den Verfolgten, den Hugenotten, Salzburgern, Wiener Juden und so vielen anderen. Kurzum:

„Dieser Vernunftsstaat paßte ins Zeitalter der Vernunft wie bestellt. Nichts als Staat und ganz Staat, volklos, stammlos, abstrakt, ein aus dem Geist der Aufklärung konstruiertes reines Verwaltungs-, Justiz- und Militärsystem, ließ sich ,Preußen‘ fast beliebig verlagern und übertragen, beliebigen Völkern, Stämmen und Gebieten sozusagen überstülpen. Ein gängiger Reim jener Zeit lautete: