ZDF Donnerstag, 22.Februar: „Bürger fragen, Politiker antworten“; Helmut Kohl stellt sich niederländischen Bürgern; Gesprächsleitung: Reinhard Appel

Seltsam, die Herren aus der Bundesrepublik Deutschland waren offenbar überrascht, als die Antworten kamen – Antworten, von Holländern formuliert, auf die Frage, was einem in den Niederlanden zu Deutschland einfiele.

Zu Deutschland? Krieg natürlich. Judenverfolgung. Radikalenerlaß. Berufsverbot. Abbau des Rechtsstaats. Hatte man anderes erwartet? War leichtfertig, mit einem „Deutschland hoch in Ehren“, in die Debatte gegangen? Hatte versäumt, sich bei jenen Schriftstellern zu erkundigen, Böll oder Grass oder Lenz, die seit Jahr und Tag unser Land vor dem Vorwurf, es sei schon wieder faschistisch, verteidigen – und dies, obwohl sie in vielem, was den allgemeinen Rechtstrend hierzulande betrifft, kaum anders als die Holländer denken? Hatte man nicht getan, was um jeden Preis hätte getan werden müssen: einen Gang ins jüdische Museum zu Amsterdam – deutsch: das war die Sprache des Tods – und, danach, ins Anne-Frank-Haus, in dessen letztem Zimmer sich die Bundesrepublik Deutschland dokumentiert sieht? (Im Zentrum, vor einem Jahr, das Bild einer Jüdin, die Opfer eines Berufsverbots wurde.)

Kein Grund zur Überraschung also – es wäre ein Wunder gewesen und hätte die Stimmung in einem Land, wo die Konservativen oft „linker“ sind als hier die Sozialdemokraten, gehörig verfälscht, wenn die Fragen anders gekommen wären, als sie dann gottlob auch kamen: Warum gehen deutsche Frauen nach Holland (aber nicht holländische Frauen nach Deutschland), warum müssen Hilfsfonds für Menschen geschaffen werden, die, infolge des Radikalenerlasses, keine Arbeit bekamen, warum gibt es in der CDU noch immer so viele Nazis, weshalb pocht, nachdem es zwei Weltkriege angezettelt hat, Deutschland auf Vernichtungsbomben aller Art?

Mein Gott, das geht nicht gut aus dachte der Betrachter am Bildschirm – und das ging es auch nicht. Wer behauptet, knapp und schlichtweg, es gäbe kein Berufsverbot bei uns, der muß sich nicht wundern, wenn man ihn auslacht – auf jene Lehrer verweisend, die, da sie... und so weiter und so fort, ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Ein ganz klein wenig Bereitschaft zu Nuancierung („Ja, ich find’ es auch nicht gut, daß Nationalsozialisten von gestern über die demokratische Gesinnung junger Menschen befinden“), eine Spur von Auf-die-anderen-Eingehen und weniger Sturheit („Hier sind sich alle europäischen Historiker einig“: Pustekuchen! Falsch gedacht!) und weniger Publikumsbeschimpfung („Mit Voreingenommenheit kann man keine Diskussion führen“), weniger allgemeine Rede und dafür stärkere Reflexionsfähigkeit (ist denn rot wirklich gleich braun? Ein Äquivalent für Marx und Rosa Luxemburg auf Seiten der Rechten: Das hat doch wohl seinen Grund, warum’s das nicht gibt), ein winziges Gran Liberalität nur – und der Oppositionsführer wäre mit Ehren über die Runden gekommen. Hätte er doch wenigstens gemerkt, wie er sich mehr und mehr zu verheddern begann, als er die Worte und Taten von Nationalsozialisten unter dem Begriff „Jugendsünde“ versteckte! (Man stelle sich vor, Kommunisten würden heute à la Globke gemessen – und nicht, wie’s geschieht, mit zukunftsversperrendem Richtspruch bedacht – Herbert Mies könnte Staatssekretär werden!). Wäre er doch wenigstens nicht ausgewichen – alleweil auf der Flucht! –, wenn’s ans Konkrete ging, den $ 218 („Solche Frage läßt sich nicht mit dieser Sendung in Beziehung setzen“: warum kommt man dann überhaupt?) oder das unbewältigte Erbe („Nazis gibt’s in allen Parteien“: na und? – ist das eine Antwort?)!

Ein Jammer freilich, daß sich, auch Reinhard Appel, nervös geworden, zwei- oder dreimal in einer Weise vertat, die mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden muß. Einen Mann im Publikum, der seinen Namen nicht nennen mag (vielleicht weil er Anlaß zu haben glaubt, sich vor deutschen Befragern zu fürchten), als „Herr Anonymus“ zu titulieren oder eine Dame mit der Bemerkung zu unterbrechen, sie werde „ohnehin noch vom deutschen Fernsehen entdeckt“ werden – das ist nicht nur im Ausland geschmacklos.