Von Kurt Becker

Anderthalb Wochen nach dem chinesischen Einmarsch in Vietnam kann niemand mehr auf ein schnelles Ende der Kämpfe setzen. Eher fragt sich, ob die fortdauernde Begrenzung des Konflikts bloß eine vage Hoffnung ist, ob nicht das Risiko der Ausweitung mit jedem weiteren Tag zunimmt. Der chinesische Vizepremier Deng Xiaoping hat Anfang dieser Woche noch einmal das politisch begrenzte Ziel der Strafaktion gegen Vietnam bekräftigt: Rückzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha; der „Mythos der Unbesiegbarkeit der Vietnamesen“ solle zerstört werden; Peking will nicht als Papiertiger dastehen.

Aber von einer Strafaktion kann kaum noch die Rede sein, weil dem martialischen Debut Chinas in der Weltpolitik der schnelle und sichtbare Erfolg versagt geblieben ist. Wann wird aus der Strafaktion ein regulärer Krieg? Wie würden dann die Russen auftreten, die sich bisher demonstrativ zurückgehalten haben? Und wie würden die Amerikaner bei einer Eskalation handeln?

Die Sowjetunion ist der Verbündete Vietnams, eine automatische militärische Beistandsverpflichtung besteht allerdings nicht. Aber die Sowjets sind auf besondere Weise involviert. Sie haben dem imperialistischen Übergriff Vietnams auf Kambodscha ihren Rückhalt geliehen und tragen jetzt auch eine besondere Verantwortung. Der Zusammenbruch des Steinzeitkommunismus in Kambodscha hat niemanden aufbegehren lassen, doch China mußte die Niederwalzung des Peking-treuen Pol-Pot-Regimes durch die Vietnamesen zur Weißglut reizen; im Überfall auf Kambodscha war die jetzige Krise angelegt. Moskau kann am allerwenigsten überrascht sein über Chinas Strafaktion. Bei aller Erleichterung über die bisher waltende Rationalität der sowjetischen Führung: Die Vorgeschichte muß mitbedacht werden.

Die anfängliche Warnung an China, die Expansion zu beenden, „bevor es zu spät ist“, hat Moskau nicht mehr wiederholt. Es gibt kein Ultimatum. Dennoch könnten die Russen in Zugzwang geraten, wenn China die militärische Begrenzung nicht einhält. Das mag unwahrscheinlich sein, weil Deng versichert hat, China werde nicht bis Hanoi marschieren und weil die chinesischen Truppen im Vergleich zu den Vietnamesen zu altmodisch bewaffnet und zu kampfunerfahren sind, als daß man ihnen einen durchschlagenden Erfolg zutraute.

Aber hier beginnt die abschüssige Bahn der Spekulation. Deng schließt einen sowjetischen Entlastungsangriff oder ein Faustpfandunternehmen an der Nordgrenze Chinas nicht aus. Viele Szenarios eines militärischen Zusammenpralls der beiden kommunistischen Kernwaffenmächte sind denkbar – beispielsweise eine Aktion wie 1969 am Ussuri. Das hängt davon ab, welcher Gesichtsverlust der Sowjetunion zugemutet wird oder wie weit die Russen zurückstecken wollen, um dadurch als verantwortungsbewußt erscheinende Macht international an Ansehen zu gewinnen und China als Abenteurer verteufeln zu können. Eine atomare Gefahr wird nirgendwo gesehen. Schon die Androhung einer nuklearen Eskalation wäre unglaubwürdig: China könnte Moskau zerstören; von einer Begrenzung des Konflikts könnte dann keine Rede mehr sein.

Mit verschränkten Armen