Diskurs über die Schönheit Von Gabriel Laub

Ich weiß“, sagte der Mensch, „Schönheit ist nicht nur ein sehr komplizierter, sondern auch ein ziemlich abstrakter Begriff. Dafür haben Sie wohl nicht viel übrig. Ihr Denken ist so nüchtern und rein praktisch, ich hätte ‚erdgebunden‘ gesagt, wenn Sie nicht ein Vogel wären.“

Der Vogel war beleidigt. „Schon wahr, daß ich für eure Wortzaubereien nicht viel übrig habe“, sagte er trocken. „Meine Sinnesorgane sind aber trotz meines Alters in Ordnung.

Sie sprechen über die Schönheit so aufgeblasen, weil Sie selbst mit diesem Begriff nichts anzufangen wissen, ihr alle nicht. Ich habe es tausendmal hier vor meiner Voliere erlebt. Die einen sagen: ‚Schau mal, wie schön dieser Vogel ist! So groß und stark und majestätisch! Die anderen sagen: ‚Der ist aber häßlich! Schau dir seinen Schnabel und seine Krallen an! Und was für einen finsteren Blick er hat!‘ Wie ist das also – bin ich für euch schön oder häßlich? Ich bin doch immer ich.“

„Na ja“, meinte der Mensch etwas undeutlich, „Schönheit wird eben subjektiv empfunden ...“

„Ein schöner Begriff, diese ‚Schönheit‘, wenn ihn jeder anders auslegt. Sie haben mir doch erklärt, daß ein Begriff zur allgemeinen Verständigung dient, also einen für alle verbindlichen Inhalt haben muß – oder nicht? Sie finden sicher sich selbst, Ihr Weibchen und Ihr Junges schön. Ein anderes Männchen ihrer Art findet euch dagegen alle häßlich, und wiederum sich selbst, sein Weibchen und seine Jungen schön. Wo bleibt dann eine Möglichkeit der Verständigung, und was ist dann der Begriff wert?“

„So einfach ist es nicht“, protestierte der Mensch. „Man kann durchaus sich selbst als häßlich empfinden und die Frau eines anderen schöner finden als die eigene ...“