Auf Staatssekretär Günter Gaus kommt eine unbequeme Ehre zu. Seit Mai 1974 ist er der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Nun soll er dort Doyen werden.

Zur Zeit ist noch der tunesische Botschafter in Ost-Berlin Doyen des diplomatischen Korps, dem Dienstalter nach rangiert hinter ihm ein Finne. Aber von beiden nimmt man an, daß sie noch in diesem Sommer die DDR verlassen. Dann wäre die Reihe an Staatssekretär Gaus, Sprecher aller akkreditierten Diplomaten zu werden. Aber sollte er diese Aufgabe annehmen?

Die Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin ist ebenso wenig eine Botschaft wie die DDR-Vertretung in Bonn. Das ist ganz bewußt so eingerichtet worden, weil der Eindruck vermieden werden sollte, hier tauschten zwei Staaten, die füreinander Ausland sind, Diplomaten aus. Deshalb hat das Personal der westdeutschen Vertretung in der DDR auch keine diplomatischen Ränge. In der DDR-Vertretung in Bonn ist das anders; ihr Chef nennt sich Botschafter, denn aus der Sicht der DDR ist die Bundesrepublik sehr wohl Ausland.

Gaus ist also kein Botschafter, weder im Rang noch in der Funktion. Kann er dann überhaupt Doyen des diplomatischen Korps werden? Selbst erfahrene Diplomaten kennen keinen Präzedenzfall: In den westeuropäischen Hauptstädten ist ohnehin immer der Apostolische Nuntius, also der Botschafter des Vatikans, unabhängig von seinem Dienstalter auch Doyen. In östlichen Hauptstädten, wo das Prinzip der Anciennität gilt, hat man es in der Regel so einzurichten gewußt, daß ein Botschafter aus einem sozialistischen oder zumindest neutralen Land die längste Dienstzeit hatte, und damit Doyen war. Es ist aber kein Fall bekannt, in dem ein Missionschef der nicht im Botschafterrang war, Doyen gewesen ist. Unter Berufung darauf könnte Gaus, wenn die Reihe an ihn käme, sich der hohen Ehre für unwürdig erklären; ähnliches hat es öfter schon gegeben, und es wäre kein Affront. Oder sollte er dies ablehnen und sich, um allem aus dem Wege zu gehen, vorher abberufen lassen?

Was hat ein Doyen zu tun? Er erwidert die Neujahrsansprache des Staatschefs im Namen des diplomatischen Korps. Er vertritt die Interessen aller Diplomaten gegenüber dem Außenministerium. Er arrangiert Abschiedsessen für scheidende Diplomaten: Das ist viel Arbeit, aber keine politische Funktion. Die DDR könnte sich wohl einen Doyen Günter Gaus ganz gut vorstellen, würde er doch ihre Zweistaatentheorie vorleben. Staatssekretär Gaus könnte andererseits diese Aufgabe annehmen, weil damit nach, westlicher Auffassung sein rechtlicher Status nicht verändert wird.

Im Bundeskanzleramt wird betont, daß noch kein Anlaß bestehe, eine Entscheidung in dieser Frage zu treffen. Es sei auch völlig offen, wie eine spätere Entscheidung aussehen würde. Offenbar gilt es abzuwägen zwischen einer möglicherweise zwiespältigen und mißdeutbaren Situation, wenn Gaus Doyen würde, und einer möglichen Belastung der innerdeutschen Beziehungen, wenn er diese Funktion ablehnen würde.

Joachim Nawrocki (Berlin)