Der Fernsehauftritt Helmut Kohls in den Niederlanden war ein beunruhigendes Politikum. Kohl ist einem Publikum begegnet, das ihn ungeniert mit Fragen traktierte, die in der Bundesrepublik tabuisiert sind: Berufsverbot, Nazi-Vergangenheit, atomarer Raketen-Ehrgeiz. Jedenfalls erkannten viele Zuschauer in dem Bild der Bundesrepublik, das aus diesen Fragen sprach, ihr Land nicht wieder. Kohl hat sich wacker geschlagen, aber er war dem Dialog nicht gewachsen. Doch zu Hause sahen viele in ihm den nationalen Märtyrer; nie hat der Oppositionsführer so viele Sympathiebriefe bekommen.

Die Diskussion war ärgerlich, weil die Fragegruppe gewiß nicht repräsentativ für das politische Spektrum der Niederlande war. Linkslastigkeit mußte den Eindruck einer – den Holländern überlassenen – unfairen Regie erwecken, auch wenn man berücksichtigt, daß die kritische Distanz zur Bundesrepublik nirgendwo größer ist als in diesem Nachbarland.

Aber es wäre verfehlt, nun aufgeregt das Debakel mit böswilligen Machenschaften erklären zu wollen. Und vollends gefährlich wäre es, dem beleidigten Nationalstolz die Zügel schießen zu lassen. Laßt man einmal beiseite, daß die Fragen eine überaus kritische, zuweilen sogar feindselige Haltung gegenüber einem konservativen Politiker und der Bundesrepublik erkennen ließen: Im Kern waren es Fragen, die immer wieder in Holland gestellt werden, wenn es um den Nachbarn geht. So wurde deutlich, wie groß, trotz Europawahlkampf, das Potential der Mißverständnisse noch immer ist, auch bei uns. Ein Teil der politischen Binnenkultur der Bundesrepublik ist ohne ausführliche Erklärungshilfen nicht exportfähig, wenn überhaupt. pr.