Der lateinische Text, dieses fast hauchdünne Teubner-Bändchen, umfaßt 26 Seiten; zieht man die umfangreichen Fußnoten ab, mögen 20 bis 22 Seiten übrigbleiben: 22 Seiten für diesen schmalen Klassiker, der sich für mich als überraschend aktuell erwies.

Diese knappen Studien, fast aphoristisch, erweisen sich nach 1800 Jahren nicht nur als lesbar, sondern auch als lesenswert: immerhin eine der ältesten, wenn nicht die älteste Auskunft über unsere „Vorfahren“. Waren sie’s wirklich? Sind nicht viele von ihnen ab-, andere zugewandert, hat sich da nicht einiges „eingemischt“ und ... natürlich ... sehr vieles verändert? Die einzigen, deren Stammesnamen noch heute erkennbar sind, sind die Chatten (Hessen) und die Sueben (Schwaben). Eines muß festgestellt werden: „häßlich“ hat Tacitus diese nachmaligen Deutschen nicht gefunden; wild: ja; hatten manche rauhe Sitte, doch auch Herzlichkeit, waren gastfreundlich (wenn auch nicht immer... was verständlich ist... gegen römische Besatzung), und sollen „alle das gleiche Aussehen“ gehabt haben. Das bezweifle ich: derlei Täuschungen unterliegt man leicht bei fremden Völkern. „Die blauen Augen mit dem trotzigen Blick, das rötlich-blonde Haar und die hochgewachsenen Körper, die allerdings nur im Angriff besonders stark sind.“ Sangesfreudig waren sie auch, aber „der Gesang ist ihnen mehr ein Gleichklang tapferer Herzen als ein Zusammenklingen von Menschenstimmen. Vor allen Dingen ist ihnen darum zu tun, rauhe Töne und ein stoßweißes Dröhnen hervorzurufen“. Das klingt nicht so ganz unvertraut, im Beben so mancher Männerbrust könnte sich da noch „echt“ Germanisches erhalten haben.

Ganz anders ist es mit der „Faulheit“; da müßte mancher Entwicklungshelfer und -experte bei Tacitus Trost finden und sich mit Geduld wappnen: „Bei mühseliger Arbeit legen sie viel weniger Ausdauer an den Tag“ (als im Krieg). Nun hat’s ja nicht gerade 1800 Jahre gebraucht, um diese „Wilden“ zu ausdauernder und regelmäßiger Arbeit zu erziehen, aber gewisse Fristen sollten doch eingeräumt und Geduld ministeriell verordnet werden, wenn wir heute andere „entwickeln“. So rasch sind „wir“ also auch nicht ans Arbeiten gekommen, und bevor wir gar eine Weltanschauung draus machten, mögen doch tausend und einige Jahre vergangen sein.

Die Klima-Angaben bei Tacitus treffen zum Teil heute noch zu: „Für den Westen, nach Gallien hin, sind die Niederschläge charakteristisch, für den Südosten, nach Pannonien und Norikum hin, Stürme und die dadurch bedingte größere Trockenheit.“ Die Wälder waren Tacitus unheimlich, die Sümpfe fand er abstoßend, die Nordsee erfüllte ihn mit Bangen, dieses „Meer, das sozusagen schon einer anderen Welt angehört“. Und natürlich: „Wer hätte sich denn entschließen sollen, unsere blühenden Provinzen in Kleinasien und gar Italien selbst zu verlassen, um nach Germanien auszuwandern? Nach jenem Teil der Erde, der so völlig bar ist aller landschaftlichen Reize, so rauh im Klima, trostlos zum Leben und trostlos zum Anschauen für jeden, dem er nicht gerade Heimat ist.“

Nun, Heimat war’s eben für die Cherusker und Bructerer, Sugambrer, Tencterer, Usiper ... und wie sie da alle geheißen haben, sie, aus denen später die „Deutschen“ wurden; daß sie sich nicht widerstandslos einfach besetzen ließen, sollte die Römer, Soldaten und Beamte, nicht sonderlich überrascht haben, zumal ja – oh, Koran und Chomeini! – mit der Kultur und der Zivilisation der Eroberer auch „Verderbnis“ nahte, jene „römische Verderbnis“, die auch Tacitus, den Moralisten, beunruhigte. Lob der germanischen Frauen, Lob der germanischen Ehe, der Sittenstrenge. „Denn in Germanien lacht niemand über Laster, verführen und sich verführen lassen heißt dort nicht ,dem Zeitgeist huldigen‘.“ Da rollte und wogte in Rom die Porno-Welle, war Korruption gang und gäbe; mit offensichtlichem Bedauern stellt Tacitus fest: „Manche (Germanen) haben wir auch schon so weit gebracht, daß sie Geld nehmen.“ Die Seherinnen Veleda und Aurinia werden respektvoll erwähnt, die Gegenstand der Verehrung waren, „ohne daß man ihnen aber etwa in niedriger Unterwürfigkeit geschmeichelt oder gar Göttinnen aus ihnen gemacht hätte“. Da sehnt sich einer nach unverfälschter vestalischer Tradition, einer,der Republikaner und Aristokrat war; Tacitus war aus „aller bestem Hause“, ein Cornelier.

Friedlich, Vorläufer der Kollaboration, angelockt und „angekränkelt“ vom römischen Luxus, blieben sie links, trutzig rechts des Rheins, diese „Wilden“ mit eigener Religion, eigenem Kult, eigenen Sitten, mit demokratischen Ansätzen in ihrem Gemeinwesen, wie sie wahrscheinlich in der damaligen Welt kaum zu finden waren. „Die Könige haben keine unumschränkte oder willkürliche Gewalt, und auch die Heerführer leiten mehr durch ihr Beispiel als auf Grund ihrer Befehlsgewalt.“ Thing, Rechtspflege, Wehrwesen, ... da ließe sich zitieren und belegen, daß diese nachmaligen „Deutschen“ ihre Ordnungen hatten, wenn auch möglicherweise noch keine rechte „Ordnungspolitik“. Widersprüchliche Wesen, besonders diese germanischen Männer, bei denen „für faul und feige gilt, wer mit seinem Schweiß erwirbt, was er durch Blut gewinnen kann“. Ein unruhiges Volk: „Sie lieben den Müßiggang und können doch die Ruhe des Friedens nicht ertragen.“ Gastfreundlich, wild, rauflustig, auch geschwätzig – „dieses Volk, nicht verschlagen noch durchtrieben, gibt in ausgelassener Fröhlichkeit auch heute noch die sonst tief in der Brust gehüteten Geheimnisse preis“. Das nennt man wohl heutzutage „bierselig“.

Ein Trost für die verrufenen Rheinländer: „Selbst die Ubier, die den Vorzug genießen, eine römische Kolonie zu sein, schämen sich ihres germanischen Ursprungs nicht.“ Mancher republikanisch gesonnene römische Aristokrat hätte das wohl noch herablassender, ausgedrückt. Immerhin: Es galt – und war wohl – als Vorzug, römische Kolonie zu sein. Der wilde Zug der Cimbern und Teutonen lag schon mehr als zweihundert Jahre zurück, als Tacitus die „Germania“ schrieb, der Schrecken, den sie verbreitet hatten, war unvergessen. Tacitus wußte: „Die Germanen mit ihrem Freiheitsdrang“ waren gefährlicher als alle anderen Nachbarn des Römischen Reiches, über die Tacitus ziemlich verächtlich, spricht, und es war ja wohl auch kein Zufall, daß die stärksten Truppenkontingente Roms am Rhein lagen. Die Bangigkeit des Tacitus und anderer; hat sich als berechtigt erwiesen: von Norden her, von diesen Wilden, diesen „Sittenstrengen“ ist das Römische Reich „aufgerollt“ worden.