Von Don Oberndorfer

Täglich um 5 Uhr 30 morgens, wenn der Rosengarten des Weißen Hauses noch im Dunkeln liegt und halb Washington noch schläft, setzt sich Jimmy Carter vor ein knisterndes Feuer im Oval Office und trifft Entscheidungen. Zwei Stunden lang – bevor sein eigentlicher Arbeitstag beginnt – wühlt er sich durch Berge von Papier. Er hakt Optionen ab, verfaßt Hausmitteilungen an seine Referenten und ergänzt die Berichte mit Randbemerkungen wie: „Hart bleiben“, „Bin dafür“, „Vorantreiben“, manchmal sogar „Spinnerei“.

Carter liebt saubere Schreibtische. Er lebt nach dem Grundsatz, alle Angelegenheiten noch am selben Tag zu bearbeiten, an dem sie seinen Tisch erreichen. Vom Temperament her ist er ein Aktivist. Seine Ziele sind ehrgeizig, seine Interessen sind breit gefächert. Am liebsten möchte er alles selber machen – ob es sich nun um wichtige oder unwichtige Angelegenheiten handelt. Er ist immer in Bewegung und kommt selten zur Ruhe.

Wie hat sich der 39. Präsident der Vereinigten Staaten nach zwei Jahren Amtszeit in der Führung der Außenpolitik bewährt? Auf der Suche nach einer Bewertung stößt man sogleich auf zwei Paradoxien. Erstens: Carter kümmert sich um die kleinsten Details, doch seine Führung erscheint oft vage, unentschieden und unberechenbar. Zweitens: Carter hat seinem Land Kriege erspart und jene internationalen Konfrontationen vermieden, die die Amtszeiten seiner Vorgänger prägten. Dennoch wird er als schwach und kleinmütig verspottet, als ein Präsident, dem sicherer Instinkt für Amerikas Weltrolle fehlt.

Carter mußte noch keine Krise im Rang einer militärischen Konfrontation mit einer anderen Macht durchstehen. Er hat nirgendwo amerikanische Truppen eingesetzt. Anscheinend hat er auch keine Geheimoperationen gegen ausländische Regierungen veranlaßt.

Er ist dennoch immer wieder der Erfolglosigkeit bezichtigt worden. Die Ereignisse am Persischen Golf und in Afrika haben seine Regierung gespalten; seine eigene Meinung blieb dabei im dunkeln. Er konnte, nichts unternehmen, als der Iran von innen her explodierte und Amerikas Bindungen an dieses strategisch wichtige Land zerfetzt wurden; Er mußte hilflos zusehen, wie sowjetische Waffen und Berater zusammen mit kubanischen Truppen massiert in Äthiopien und Angola eingesetzt wurden.

Jenen, die auf Amerikas Intervention drängen, hält er seinen Grundsatz entgegen: „Es ist nicht unsere Sache, über die künftige Regierungsform Äthiopiens, Süd-Jemens (neuerdings ein sowjetisches Sprungbrett auf der arabischen Halbinsel) und des Irans zu entscheiden.“ In einem Interview setzte er sich mit der Behauptung auseinander, daß der Sturz mancher Regime als Verlust Amerikas zu verbuchen sei und daß Washington solchen Umbruch hätte verhindern müssen. Dieser stereotyp vorgetragenen Kritik hält er entgegen: „Die Öffentlichkeit muß verstehen, daß wir nicht die Fähigkeit besitzen, uns in die Innenpolitik irgendeiner Nation in der Welt einzumischen und die politischen Vorgänge dort zu kontrollieren – es sei denn, wir wollen ein neues Vietnam.“