Nun sind wir einigermaßen ansehnlich durch diesen Winter gekommen, und kaum, daß wir die Aufschläge unserer schneegeschädigten Hosen wieder, heruntergekrempelt und die Gummistiefel in die Ecke geworfen haben, bereiten uns die Modeschöpfer aus dem sonnigen Süden Italiens auf den nächsten Winter vor.

Breite Schultern, so ist zu hören, werden „in“ sein. Als ob die Schultern von unsereins, die wir in den vergangenen Monaten nur wegen der Kälte zusammengezogen haben, nicht von Natur aus breit genug wären.

Schon für die Wintermode 1978/79 waren uns „schmiegsame Herren-Ulster aus Fischgrät-Tweed“ mit breiten Schultern als sogenannte „Dandy-Mäntel“ angekündigt worden. Und was wurde daraus? Wir haben den Mantelkragen hochgestülpt, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine in die Hand genommen – weil das Auto steckenblieb. Wir haben den großen Plunder der Modernität verschmäht und auf die Nelke im Knopfloch verzichtet. Wir waren beim Überspringen schmutziger Schneewehen modisch zwar nicht „in“; aber wir haben, immerhin, das rettende Ufer erreicht. Vielleicht, daß die Hose jetzt zur chemischen Reinigung muß, weil sich an ihrem Saum ein Schneerand gebildet hat.

Für den Winter 1979/80 ist indes aus Italien schon wieder angekündigt, daß die Hosen auf dem Schuh „aufsitzen“ und sogar ein bißchen „schoppen“ (Korkenzieher-Effekt) dürfen. Was nützt uns der Dressman, der sich stundenlang vor dem Spiegel präpariert hat, um Mode zu präsentieren, wenn das hochverehrte Publikum mit „geschuppten“ Hosen durch den Schnee muß.

Die Erfahrungen haben uns gelehrt, daß Wintermode nicht unbedingt für den Winter konzipiert wird. Und wir haben just in diesem strengen Schneewinter ein besonders intensives Beispiel von der Unachtsamkeit jener Modeschöpfer mitbekommen, die vorgeben, uns für den Winter auszustaffieren: In der Praxis war das alles nichts wert; und mit den Vorschlägen der Haute-Couture wäre unsereins vermutlich im Schnee nicht nur steckengeblieben, sondern sogar auch noch erfroren.

Und trotzdem, wie trist wäre unser Leben, würden wir uns nicht einmal mehr die Illusion leisten, im nächsten Winter endlich einen Mantel aus Cashmere zu tragen, der so leicht ist wie „ein reinseidener Morgenmantel“. Gerhard Seehase