Von Norbert Denkel

Die photographische Industrie lebt nicht schlecht davon, daß die Millionen Freizeitknipser auf der Welt meinen, nur mit dem jeweils neuesten Modell der Marke X oder Y könne man die besten Bilder, machen. In Maßen stimmt das: Auf Elektronik verzichtet man heute nur ungern. Aber der Kult um Kameras, regelmäßig bei der Kölner „photokina“ zu beobachten, muß andere Gründe haben als nur das Interesse daran, eine vollendete Maschine für die optisch-mechanische Herstellung von Bildern zu erwerben. Der Spieltrieb dürfte da mit hinein reichen und auch die auf Novitätenabsatz ausgerichtete Suggestivwerbung: Nur mit dieser neuesten Kamera können Sie... Und der Käufer glaubt, daß seine Bilder nun auf einmal „schön“ würden.

„Gut“ im technischen Sinne müßten heute eigentlich alle Bilder werden. Theoretisch müßten alle Photographierenden jedes Bild eines der Erfinder des Lichtbildes übertrumpfen können, bedenkt man, mit welch recht primitiven Mitteln jene damals herumwerkten. Das ist jetzt genau 140 Jahre her. In Frankreich veröffentlichte am 7. Januar 1839 Daguerre, in England am 25. Januar 1839 Talbot die Nachricht von der Erfindung – jeder machte seine Bilder auf eine andere Weise. Wie nun der weitere Weg verlief von den Bastelerfindern (die ersten Apparate sahen noch sehr nach umgebauten Zigarrenkisten aus) bis zu den ingeniösen Spitzenprodukten der Neuzeit, das zeichnet für alle Interessierten ein Buch aus der Time-Life-Serie nach: „Kameras“. Der Verfasser, Brian W. Coe, ist sehr verliebt in Details und ihre Darstellung, vollständig und eher erschöpfend bei mehr als sechshundert Abbildungen. Im begleitenden Text wird vieles erklärt, so zum Beispiel die Wechselwirkung zwischen dem Fortschritt im Kamerabau und der Hand in Hand damit gehenden Ballastbefreiung der Photographen. Und auch, daß die Photographen gelegentlich die Richtung bestimmten durch ihre steigenden Ansprüche an Film, Optik und Präzisionsapparat. Dies alles erfährt man, das kann das Buch. Aber leider, vielleicht notwendigerweise, bleibt es beim Maschinen-Darstellen und -Erklären. So daß jedem Käufer angeraten werden muß, gleich noch ein anderes Buch mitzukaufen, in dem dann die Photographien der Frühzeit zu sehen sind, Bilder aus den Holzkisten der Pioniere. Stellvertretend für diese Sparte ist Beaumont Newhalls „Die Väter der Photographie“ zu empfehlen und, vom gleichen Autor „The History of Photography“. Denn, bei aller Liebe zum Apparat, der Bilder möglich macht, sollten die Bilder doch die Hauptsache bleiben, der schwarze Kasten nicht zum Haus-Fetisch werden. „Mausefallen“ – so nannte Frau Talbot die ersten vom Dorfschreiner hergestellten Lichtfallen des Herrn Talbot.

Ist schon mancher drin hängengeblieben, hat vergessen, daß man Bilder damit machen kann...

Norbert Denkel

Brian Coe: „Kameras – Von der Daguerreotypie zum Sofortbild“, aus dem Englischen von AD-EX (Translations) Ltd.; Time-Life, München, 1978; 240 S., Abb., 78,– DM