Der Erzähler Paustowskij ist ein vorzügliches Beispiel dafür, daß Größe eines Autors der Sowjetunion nicht notwendigerweise konstantes Zerwürfnis mit dem Zeitgenossen bedeuten muß, etwa mit Gesellschafts- oder Regimekritik in engerem Sinne. Paustowskij, der von ukrainischen Kosaken abstammte (er ähnelte hierin dem ihm sonst wesensfremden Scholochow) und der 1968 im Alter von 76 Jahren in Moskau gestorben ist, hat sich in vielen Phasen, vor allem auch in den letzten Jahren seines Lebens, in der Gunst der Öffentlichkeit befunden.

Das bedeutet nicht etwa, daß er ohne Tragik gewesen sei. Aber es ist eine gesellschaftliche und politisch nicht recht ausbeutbare, nach innen gewandte und vor allem dem OEuvre anvertraute Tragik. Sie durchdringt bei ihm fast alles. Insofern ist er, bei dem westliche Einflüsse ähnlich leicht nachgewiesen werden können wie bei Turgenjew oder Bunin, fest in der Tradition russischer Literatur verankert. Nimmt man das vortreffliche Buch von

Konstantin Paustowskij: „Erzählungen vom Leben“, Auswahl, aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Wolfgang Kasack; BS 563, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 185 S., 12,80 DM

zurHand, so erkennt man schnell, wie sehr dieses Element zur geistigen Existenz Paustowskijs gehört. Ich meine weniger eine Erzählung wie „Jenseits des trüben San“, die im Jahre 1954 geschrieben wurde und im Kriege in Österreich spielt. Der Autor schildert das Elend Verwundeter im Frontgebiet, in einem Lazarettzug, die qualvolle, stöhnende Hilfslosigkeit. Das ist, sofern wir den Begriff tragisch nicht als eine Steigerungsform von traurig mißverstehen, nicht tragisch. Das Schicksal der Menschen ist erschütternd, „der Menschheit ganzer Jammer“ faßt uns an. Ich meine aber viel eher das, was uns ohne die Fanfarenstöße des Entsetzens entgegentritt, was piano oder pianissimo daherkommt, was sich (trügerisch) sanft und idyllisch-romantisch anläßt, worauf das Tragische zunächst nur zu ruhen scheint wie ein kurzer sommerlicher Sprühregen auf einer Birke. Da sind vor allem die Liebesgeschichten zu nennen, diese stillen, unpropagandistischen Bekundungen einer zum Wärmen bereiten, aber tragisch verhinderten Humanität – Erzählungen wie „Schnee“ und „Die Brise“ und „Morgengrauen im Regen“.

Es sind Geschichten von der plötzlichen, intuitiven und ebenso wortlosen Erkenntnis der Zugehörigkeit zweier Menschen zueinander. Flüchtige Begegnungen, auf wenige Stunden begrenzt, ohne Erfüllung (wenn man den Ausdruck in plattem Sinne gebrauchen will), ohne Kuß, allenfalls mal ein Handkuß, aber ohne das doch sonst Nähe fördernde und bestätigende „Du“. Nächtliche, zufällige Zusammenkünfte, im Kriege. Er ist Offizier, muß zur Front zurück, der Zug, in der Nacht oder im Morgengrauen, pfeift schon, oder die Dampfersirene schrillt. Ein Wiedersehen ist unwahrscheinlich, es wird, da beide ssrachlos zu sein scheinen vor der Kraft des Liebesereignisses, auch nicht ins Auge gefaßt. Aber welch gesteigertes, plötzlich wie ein Geisir aus dem grauen Boden der Alltäglichkeit hochspringendes Leben, ein lautloser Exzeß des Einverständnisses, der Bejahung und der Erwiderung. Paustowskijs Schilderung ist so beredt, weil sie außer dem Beiläufigen fast alles verschweigt.

Man spricht von Paustowskijs Romantik, von seinem Impressionismus. Wenn unter Romantik Distanz zur Realität, zur Alltäglichkeit verstanden werden soll, dann tatsächlich romantisch. Wenn Romantik aber heißen soll, fernen von psychischer Wirklichkeit, dann nicht im geringsten romantisch, nicht schwärmerisch, nicht abstrakt, sondern sehr konkret.

Aber Impressionismus? Nein, nirgends nur Oberflächenreize. Hinter den Sinneseindrücken – welche psychischen Innenräume! Und wie sind Landschaftsschilderungen (dieses großen Meisters der Reisebeschreibungen) hier integriert in die Darstellung der Situation der Menschen, ihrer Erlebnisse und Betroffenheiten. Die Landschaft wird zum Resonanzboden oder Mitspieler der Personen, sie dient dem Atmosphärischen, sie wird nirgends zur Kulisse degradiert.