Von Eckart Kleßmann

In den letzten Tagen des Nazi-Regimes tröstete Goebbels im Berliner Bunker seinen Führer mit Carlyles „Geschichte Friedrichs des Großen“. Schwerin v. Krosigk berichtet von der Lesung des Propagandaministers: „Am 12. Februar starb die Zarin, das Wunder des Hauses Brandenburg war eingetreten. Der Führer, sagte Goebbels, hatte Tränen in den Augen.“ Dieses Mirakel des Hauses Brandenburg hat die Gemüter stets nachhaltig beschäftigt; Hitler glaubte ernstlich, mit dem Tode des US-Präsidenten Roosevelt würde es sich wiederholen. Aber hatte es dieses Wunder überhaupt gegeben?

Eben dies bestreitet –

Johannes Kunisch: „Das Mirakel des Hauses Brandenburg – Studien zum Verhältnis von Kabinettspolitik und Kriegführung im Zeitalter des Siebenjährigen Krieges“; R. Oldenbourg Verlag, München 1978; 154 S., 38,– DM.

Kunischs Studie ist nicht so trocken, wie ihr Titel vermuten läßt; streckenweise liest sich die Untersuchung des Kölner Historikers sogar recht spannend.

Der Aggressor der beiden ersten Schlesischen Kriege von 1740 und 1744 durfte nicht teilhaben an der komplizierten Equilibristik der etablierten Großmächte. Mehr noch: Preußens aggressive Militanz nötigte die Nachbarstaaten, größere Armeen zur Wachsamkeit zu unterhalten, als die Wirtschaft vertrug. Es mußte also eine Entscheidung fallen, und sie sah die totale Auslöschung des preußischen Staates vor.

Wie bekannt, kam Friedrich II. diesem Vorhaben zuvor, indem er ohne Kriegserklärung Sachsen überfiel. Damit stand er wieder einmal als Aggressor da, behaftet mit einem kräftigen moralischen Minus, was seinen Feinden nur den Rücken stärkte. Und dennoch gewannen sie den Krieg nicht.