Die Bauarbeiten am Kernkraftwerk Grohnde bei Hameln an der Weser können fortgesetzt werden. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hob den im Juni 1977 verfügten Baustopp vorläufig auf.

Das niedersächsische Soziilministerium hatte 1976 für den 1300-Megawatt-Druckwasserreaktor Grohnde die erste Teilerrichtungsgenehmigung erteilt. Zwar hatten zwei benachbarte chemische und pharmazeutische Firmen gegen den Bau des Kraftwerks geklagt, weil sie eine Verunreinigung ihrer Arzneimittelprodukte durch Schadstoffe aus dem Kernkraftwerk befürchteten. Das niedersächsische Sozialministerium ordnete aber trotzdem die sofortige Vollziehbarkeit der Genehmigung an. Nachdem im Juni 1977 das Verwaltungsgericht Hannover die aufschiebende Wirkung wiederhergestellt hatte, wurde die Baustelle ab Oktober 1977 stillgelegt.

Mit dem vorliegenden Beschluß gestatten nun die Lüneburger Ricker die Wiederaufnahme des Baubeginns, jedoch unter Auflagen. Unverzüglich muß die Kernkraftwerks GmbH wissenschaftliche Untersuchungen über schädliche Auswirkungen des künftigen Kraftwerks in Auftrag geben. Für die Wiederaufnahme des Baus spreche – so der 7. Senat des Oberverwaltungsgerichts –, daß eine „mögliche Verunreinigung wahrscheinlich weit unterhalb der Gefahrengrenze“ liege. Ebenso könnten die klagenden Firmen allein durch die Errichtung der bisher genehmigten Anlageteile noch nicht in ihren Rechten verletzt werden. Dagegen seien Schäden an der Bausubstanz des Kraftwerks unvermeidlich, wenn halbfertige Teile weiterhin der Witterung ausgesetzt würden. Zu diesem Ergebnis kam das Gericht nach Auswertung „sehr kontroverser Gutachten“.

Ein Sprecher der Preussenelektra erklärte, daß sofort nach Zustellung des Gerichtsbeschlusses die wissenschaftlichen Untersuchungen vergeben und die Arbeiten auf der Baustelle aufgenommen würden. Nach der rund eineinhalbjährigen Pause seien „enorme Vorarbeiten“ nötig, um mit den eigentlichen Bauarbeiten wieder beginnen zu können.

Bei der Auftragserteilung 1975 hatten die Planer mit einer Inbetriebnahme des Kernkraftwerks im Jahr 1979 gerechnet. Heute glauben die Betreiber nicht daran, daß noch vor 1985 Strom aus Grohnde geliefert werden kann. Die bisherigen Verzögerungskosten werden auf mindestens 250 Millionen Mark geschätzt, bei einer Gesamtinvestition von bislang 650 Millionen Mark.

Sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung organisierten Kernkraftgegner einen Karnevalszug zum Baugelände. Auf einen der Karren setzten sie die Gerechtigkeitsgöttin mit der Beschriftung „Justitia Manipulata“, auf einem anderen Wagen thronte eine Puppe im blauen Overall: „Ernst Albrecht, Atommüllkutscher der Nation.“ Ferner wurde die Anordnung des niedersäschsischen Justizministers Schwind aufs Korn genommen, vorbeugend 80 Gefängniszellen für demonstrierende Atomkraftwerksgegner freizumachen.

Nikolaus Brender