Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften von der Konfrontation wieder zur Kooperation zurückfinden.

Während sich die deutsche Wirtschaft nun langsam von der konjunkturellen Talsohle entfernt, ist das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften immer noch auf einem Tiefpunkt. Auch nach dem Spruch des Bundesverfassungsgerichts im leidigen Streit um die Mitbestimmung werden selbst im günstigsten Fall noch Monate vergehen, bis die Wunden vernarbt sind, die sich die Kontrahenten in den vergangenen Jahren beigebracht. haben. Schon mir Rücksicht auf ihre jeweiligen Mitglieder können es sich die Spitzenvertreter beider Interessengruppen daher gar nicht leisten, in den Wochen vor und nach dem Karlsruher Urteil beziehungsweise in der heißen Phase der Tarifverhandlungen allzu engen oder gar vertraulichen Umgang miteinander zu pflegen.

Dabei wären offene Diskussion und Kooperation zwischen den Tarifparteien – von „Sozialpartnern“ wagt seit langem niemand mehr zu sprechen – dringend geboten. Arbeitslosigkeit, rascher Strukturwandel, Berufsausbildung und Fortbildung, schneller technologischer Fortschritt, neue Formen der Einkommensverteilung und der Arbeitsgestaltung – all dies sind Themen und Aufgaben, die intensiver Gespräche bedürfen, wenn es zu vernünftigen Lösungen kommen soll.

Wenn es um ein paar Lohnprozente mehr oder weniger geht, so mögen eine markige Rede auf dem Marktplatz, die Schaukämpfe bei Tarifverhandlungen oder schließlich die Holzhammermethode eines Arbeitskampfes grobe, aber doch immerhin erprobte Instrumente zur Lösung des Konflikts sein. Wenn über so diffizile Probleme wie soziale Absicherung bei der Einführung neuer Technologien oder gleitenden Übergang älterer Arbeitnehmer in den Ruhestand verhandelt wird, dann ist die aufgeheizte Atmosphäre eines Arbeitskampfes wohl kaum das richtige Klima, in dem ausgereifte Lösungen gedeihen können. Der unter Streikdruck ausgehandelte Tarifvertrag über die Einführung der Elektronik in der Druckindustrie mit seinen vielen Schwachstellen ist ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen soll.

Dabei ist doch eines sicher: Die Zeiten, in denen die Gewerkschaften in erster Linie „Lohnerhöhungsmaschinen“ waren, sind vorbei. Und zwar nicht nur deswegen, weil die Verteilungsspielräume enger geworden sind, sondern vor allem auch, weil die Bedürfnisse der Arbeitnehmer sich wandeln und weil die technische und wirtschaftliche Entwicklung im Gefolge der Mikroelektronik Unternehmer wie Gewerkschafter vor ganz neue Aufgaben stellen.

Die ZEIT hat daher eine Gruppe von Fachleuten gebeten, im Rahmen eines Forums über die neuen Gebiete zu diskutieren, auf denen sich die Tarifparteien bewähren können und müssen (siehe Seiten 25 bis 29), wenn sie sozialen Fortschritt statt Klassenkampf wollen – und wenn sie nicht allein dem Gesetzgeber das Feld überlassen möchten.

Noch schwerer als die Lösung großer Sachfragen – ob längerfristige Tarifverträge, tarifliche Vermögensbildung oder neue Formen der Teilzeitarbeit – könnte sich allerdings das Gespräch darüber erweisen. Gewerkschafter wie Arbeitgeber fürchten den Zorn und Argwohn ihrer Mitglieder, wenn sie auch nur den Anschein allzu partnerschaftlichen Umgangs oder gar eines Komplotts erwecken. Hier muß noch viel Vorarbeit geleistet und bei den Mitgliedern auf beiden Seiten das Verständnis dafür geweckt werden, daß partnerschaftliche Zusammenarbeit und intensive Diskussion diffiziler Sachfragen nicht gleichbedeutend sind mit Kungelei und Kumpanei.