„Moretum – Das Kräutergericht“. Die Schriftrollen-Bibliothek wächst: das Äußere der nach antikem Muster nicht als quadratisches Buch, sondern als Rolle vorgelegten Reihen wie auch die besondere Art des Lese-Erlebnisses wurde hier bereits beschrieben (ZEIT, 2. April 1976); beschränken wir uns also darauf, das jüngste Produkt zu empfehlen, das nur drei Seiten lange „Moretum“, ein Kurzgedicht wohl aus augusteischer Zeit. Die idyllisch getönte Übertragung von Johann Heinrich Voss aus dem Jahre 1800 bringt die Qualitäten des knappen Textes gut zur Geltung: Ein Bauer erwacht, tastet im Dunkel nach dem Herd, entzündet die Lampe, holt und mahlt Getreide, bereitet aus mancherlei Kräutern seines Gartens ein Gericht („moretum“) und geht zur Arbeit auf den Acker: Arme Alltagswelt vor zwei Jahrtausenden, realistisch beobachtet und beschrieben, doch vom Schimmer der Poesie vergoldet und in bibliophiler Form eigener Art präsentiert; (Lateinischer Text und deutsche Übersetzung von J. H. Voss; Edition Aurora, München, 1978; 6 Fuß lang, je Rolle zwischen 9,– und 18,–DM.) Bernhard Kytzler

*

„Die Tränen des Herrn Galilei“, von Max Thürkauf. Den anthroposophisdi orientierten Autor – zwischenzeitlich Fluglehrer, jetzt wieder Professor für physikalische Chemie an der Universität Basel – mag man in vielen Punkten kritisieren, ein Vorwurf kann ihn nicht treffen: er ist kein akademischer Fachidiot. Thürkauf macht sich Gedanken über Gott und die Welt, vor allem über theologische und technische Probleme; er bekennt sich zwischen Christus und Cockpit zu seinen Gefühlen. Dieser Anhänger Rudolf Steiners versteht sich, provozierend gegenüber seinen Fachkollegen, als „romantischer Chemiker“ und meint: „Chemie und Physik zu Ende gedacht, die Naturwissenschaften mit Kopf, Herz und Hand betrieben, führen zu Gott“. Der Idealist Thürkauf vernachlässigt wissenschaftstheoretische und -soziologische Überlegungen, bietet seinen Lesern lieber biographische Momentaufnahmen an; er überschreitet Erkenntnisgrenzen und hält seine religiösen Erfahrungen zumeist in Aphorismen fest. Abwegig sind seine Fragen keineswegs, nur geben andere zeitgenössische Autoren – etwa Carl Friedrich von Weizsäcker – weniger pathetisch klingende und differenzierte Antworten. (Werner Classen Verlag, Zürich, 1978; 228 S., 23,– DM.)

Werner Hornung