Bochum: „Zwanzig Jahre unabhängige Kunst in der Sowjetunion“

„BOKULT“, das Informationsblatt des Museums Bochum, zeigt auf der Titelseite ein 1971 in einer Moskauer Wohnung aufgenommenes Gruppenphoto, zu dem sich neben anderen auch die Maler Oskar Rabin und Lew Nussberg stellten. Acht Jahre später, bei Eröffnung der von Museumsleiter Peter Spielmann und dem 1976 emigrierten Lew Nussberg organisierten Ausstellung über „Zwanzig Jahre unabhängige Kunst in der Sowjetunion“, waren Gruppenaufnahmen dieser Art nicht mehr möglich. Von heftigen Querelen war zu hören, Meinungsverschiedenheiten unter anderem darüber, wer denn nun Dissident sei und berechtigt, die Vom Dogma des Sozialistischen Realismus unabhängige Kunst zu vertreten. Höhepunkt des Streits: eine Gruppe von vier Künstlern, darunter Oskar Rabin, forderte bei der Vernissage noch einmal nachdrücklich die Herausnahme ihrer Bilder aus der Bochumer Übersichtsschau. Die Ausstellungsveranstalter lehnten ab und zeigen die Arbeiten jetzt trotz des Widerspruchs der Künstler. Nachzuvollziehen ist der Konflikt für den Ausstellungsbesucher kaum. Hinweise auf die Auseinandersetzung gibt es in der wenig aufregenden Präsentation von gut dreihundert Bildern, Zeichnungen, Photos und Objekten nicht. Dokumentiert wird mit Arbeiten von etwa siebzig Künstlern und Kunstlergruppen aus Moskau und Leningrad die Vielfalt (und ein erhebliches Qualitätsgefälle) der abseits offizieller Anerkennung, oft versteckt entstandenen Kunst, und: daß unabhängig nicht unbedingt mit Progressiv oder Avantgarde gleichzusetzen ist, politisch unliebsame Kunst manchmal durchaus politisch wirken kann. Trotz ermüdender Übermacht des Mittelmäßigen fallen im gemischtwarenähnlichen Ausstellungsrahmen einzelne Arbeiten auf: so die eigenwilligen, sehr klaren und oft heiteren, leichten, fast kindlich anmutenden Zeichnungen von Ilja Kabakow oder Wladimir Wejsbergs Stilleben in gedämpften Farben, Säulen, Kugeln, Quadrate, realistisch gemalt und doch wie hinter einem Vorhang, sehr real und zugleich sehr fern. Auch wenn einige Bilder überzeugen können: aufschlußreicher als eine umfangreiche Präsentation von Einzelstücken wäre jetzt (fünf Jahre nach dem ersten Überblick über nichtoffizielle sowjetische Kunst im Bochumer Museum und der Übersiedlung zahlreicher Künstler in den Westen) vielleicht das Nachzeichnen der Entwicklung einzelner Dissidenten gewesen – die Dokumentation etwa von Veränderungen in der Emigration, die schließlich Einfluß hat nicht nur auf persönliche Beziehungen. (Museum Bochum, bis 11. März, Katalog 20 Mark) Raimund Hoghe

München: „Die Bildnisse des Augustus“

Auf den ersten Blick erinnert die Ausstellung an eines der bekannten Suchbilder – wie ordnen sich ihre Teile im großen Römersaal der Glyptothek verstreut zwischen unverrückbaren Objekten der Antiken-Sammlung zu einem sinnvollen Ganzen? Hat sich einem das System dann mit Hilfe eines Wegweisers erschlossen, kommt die zweite Überraschung: Die Augustusköpfe, -büsten und -Statuen sind zum Teil aus Marmor, Originale also, häufiger jedoch verraten sie sich durch ihre totenbleiche, gipsweiße Farbe als Abgüsse. Dieses Nebeneinander von Kunstwerken und Faksimiles ist eigentlich scheußlich. Nur ist dies keine Kunstausstellung, sondern eine, die über „Herrscherbild und Politik im kaiserlichen Rom“ informiert Und zu diesem Zweck sind die Abgüsse merkwürdigerweise brauchbarer als die Originale. Nicht abgelenkt von der künstlerischen Qualität der Skulptur kann man an ihnen die Entwicklung bestimmter Bildnistypen ablesen, abstrakt sozusagen. Die für die Ehrenstatuen des lebenden Princeps Augustus gefundenen Darstellungsformen, weiterverwendet in den posthumen Götterbildern des Divus Augustus, brachen mit der Tradition des hellenistischen heroischen Herrscherportraits. Die realistische Wiedergabe der Physiognomie in den Werken aus spätrepublikanischer Zeit war abgeschwächt, die individuellen Züge blieben erhalten, im Rückgriff auf klassisch-griechische Stilformen allerdings überhöht. Auf Münzen, Gemälden, militärischen Orden wurde das Bild des Kaisers verbreitet. Die Ehrenstatuen enthielten aber die eigentliche politische Botschaft – sie machten durch Kleidung, Ehrenzeichen, Amtsinsignien und Inschriften Rang und Funktion des Augustus deutlich. (Bis zum 18.

März, anschließend Antikenmuseum Berlin, April bis Juni, Katalog 11 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Aachen: „Kunst heute in der Deutschen Demokratischen Republik“ (Neue Galerie bis 18. März, Katalog 12 Mark)