Von Rolf Michaelis

Die fünfzehn Liebesgeschichten, die Joyce Carol Oates in ihrem neuen Buch erzählt, haben mit Literatur weniger zu tun als mit dem Leben. Das macht sie wichtig für die Literatur.

Hier werden Erzähl-Konventionen mißachtet – zugunsten der Wirklichkeit. Die Choreographie einer Beziehung erscheint ja nur dem Auge der nicht betroffenen Beobachter im Dreischritt von Annäherung, Begegnung, Entfremdung. Denen, die Liebe erleiden, stellt sich der Zusammenstoß zweier Einsamkeiten oft anders dar – sei es, daß Kennenlernen als Abwehr, daß Trennung als andere Form von Gemeinsamkeit erfahren wird.

Von den komplizierteren, lebenswirklicheren Bindungen handeln die Geschichten von –

Joyce Carol Oates: "Grenzüberschreitungen", Erzählungen, aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1978; 263 S., 24,50 DM.

"Grenzübergang" (Crossing the Border): der Titel ist Chiffre für alle Werke dieser Schriftstellerin, die scheinbar realistisch-sozialkritisch erzählt, deren Texte aber einen zweiten, einen dritten "Boden" haben: Alltägliche Geschichten werden zum Gleichnis, simple Ereignisse offenbaren symbolische Kraft.

"Grenzübergang" heißt die erste, "Grenzkontrolle" die siebte Erzählung. Einmal passiert ein junges Ehepaar die Grenze zwischen den USA und Kanada; das anderemal fährt die Frau allein in entgegengesetzter Richtung. Zweimal ein normaler "Grenzübergang", denkt man. Doch: welche Grenzen – des Gefühls – werden beidemal bewußt.