Von Klaus Hillebrand

Ordentliche Richter hatten sich mit einem Fall außerordentlicher sportlicher Unordnung zu beschäftigen. In einem in Deutschland in dieser Form bislang einmaligen Prozeß um die Verquickung von Sport- und Rechtsprinzipien sprachen sie nach Anhäufung eines Aktenbündels von dreihundert Seiten ein klares Wort. Der Rechtsstreit zwischen der von den sportlichen Instanzen wegen Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen auf Lebenszeit gesperrten Münsteraner Volleyballspielerin Annedore Richter gegen den Deutschen Volleyball Verband (DVV) endete mit einem Sieg Annedore Richters. Die Elfte Zivilkammer des Landgerichts Münster entschied: Sie darf für ihren Verein USC Münster wieder spielen.

Der Streitpunkt: Annedore Richter, seit zehn Jahren für den Bundesligisten USC aktiv, 109fache Nationalspielerin, hatte im Jahre 1975 einen privaten Trip durch die USA unternommen und dabei, zur Finanzierung der Reise, von Mai bis August in der Profimannschaft der „Santa Barbara Spikers“ gespielt. Über eventuelle Konsequenzen hatte sie sich dabei nicht den Kopf zerbrochen. Die Verbandsstatuten sind in diesem Punkte auch nicht überaus präzise. Ihr Rechtsanwalt Helmut Bill: „Da blickt auch ein Volljurist nur sehr schwer durch.“

Nach einer längeren, examensbedingten Unterbrechung entschloß sich die Referendarin (heute Studienrätin) Richter im Herbst 1977, wieder für den USC Münster aktiv zu werden. Sie beantragte beim zuständigen Westdeutschen Volleyball Verband (WVV) einen Spielerpaß, der ihr auch ordnungsgemäß ausgehändigt wurde. Von einer Sperre wußte niemand. Mit der Spielerlaubnis nahm Annedore Richter an der Bundesligameisterschaft teil.

Das Kuriose: Aus der Tages- und Fachpresse erfuhr Annedore Richter wenige Tage Später, daß sie auf Grund ihrer professionellen Tätigkeit vom Internationalen Volleyballverband (FIVB) gesperrt worden sei – lebenslang! Dem USC Münster wurden sämtliche gewonnenen Spiele mit Annedore Richter aberkannt; die Punkte erhielten die Gegner zugesprochen.

Auf Intervention des FIVB befaßte sich das Präsidium des Deutschen Volleyball Verbandes auf einer Sitzung am 15. April 1978 mit der Spielberechtigung Annedore Richters und teilte ihr mit Schreiben des Vizepräsidenten Matthias Fell (Münster) vom 18. April 1978 mit, sie sei nicht spielberechtigt, die Paßfreigabe sei irrtümlich geschehen.

Es begann das, juristische Tauziehen um die Spielberechtigung. Richters Rechtsbeistand, Anwalt Helmut Bill, klagte gegen den Deutschen Volleyball Verband. Dabei ging es nur um eine Spielberechtigung im nationalen Bereich, da Annedore Richter ihre internationale Laufbahn bereits abgeschlossen hatte.