Vor einigen Jahren saß ich Ken McKormick gegenüber, dem Cheflektor des großen amerikanischen Verlags Doubleday. Wir unterhielten uns über neue deutsche Literatur und sprachen über Bücher, die von deutschen Kritikern bejubelt wurden. „Warum drucken Sie die nicht?“ fragte ich. McKormick überlegte nicht lange. Er sagte: „Weil sie tödlich langweilig sind.“ „Sie messen mit amerikanischen Maßstäben“, sagte ich. „Viele deutsche Autoren sind etwas schwerfällig. Das stimmt. Aber sie sind nicht alle langweilig. Es gibt Ausnahmen.“

Das neue politische Jugendbuch von

Max von der Grün: „Wie war das eigentlich?“; Verlag Luchterhand, Neuwied und Darmstadt; 200 S., 18,80 DM

ist eine solche Ausnahme. Ich habe es in wenigen Stunden gelesen, von der ersten bis zur letzten Zeile. Ich konnte es nicht aus der Hand legen. Ein Lehrbuch unserer jüngsten Geschichte? Oder ein Thriller?

Max von der Grüns Buch besteht aus drei Teilen, die vollständig miteinander verwoben sind, sozusagen ineinander geblendet. Der erste Teil (Hauptteil) ist ein Lehrbuch mit historischen Daten. Eine Kurzfassung unserer jüngsten Geschichte. Sie umspannt die Jahre 1926 (Geburtsjahr von der Grüns) bis kurz nach Kriegsende im Jahre 1945. Der zweite Teil, geschickt zur Erläuterung historischer Fakten in den ersten eingeblendet, besteht aus Dokumenten, Auszügen von Augenzeugenberichten und Büchern zur Zeitgeschichte. Der dritte Teil, wieder in die anderen verschachtelt, ist Max von der Grüns Autobiographie. Die Geschichte des Kleinkindes, des heranwachsenden Knaben, die Geschichte von einem, der dabei war, obwohl man ihn kaum bemerkt hat, der am Rande des Geschehens stand. Ein wenig verschlafen, oft verlegen, zuweilen erschreckt und zuguckte, wie der Führer Geschichte machte.

Wie war das damals? Wie fing das an? Als Dreijähriger hat der Autor nicht viel von der Weltwirtschaftskrise 1929 mitgekriegt. Auch nicht von den folgenden Jahren, in denen die Arbeitslosenzahlen stiegen und stiegen. Aber er hat heute sorgfältige Quellenstudien gemacht. „Das Deutsche Reich hatte in diesem Jahr den höchsten Stand an Arbeitslosen, nämlich 6128 428, deren Schicksal und Elend fast unbeschreiblich waren. Täglich meldeten sich Millionen bei den Arbeitsvermittlungen, um wenigstens vorübergehend ein paar Mark zu verdienen.“ Und an anderer Stelle ein Auszug aus dem im Jahre 1932 veröffentlichten Roman der Arbeitslosen von Walter Schönstedt „Kämpfende Jugend“: „Sie wurden herumgejagt mit nutzlosen Formularen, von einem Amt zum andern, von Behörde zu Behörde. Manchmal nur wegen eines Stempels. Nur wenige murrten. Sie fraßen alles in sich hinein. Und das alles schwoll an zu einer gewaltigen Portion Haß und Wut.“

Haß, Wut und Hoffnungslosigkeit trieben immer mehr Leute in die Arme der Nazis. Hitler erhielt die Unterstützung von Industriellen und Kreisen, die in ihm den Mann sahen, der den Karren aus dem Dreck ziehen, die Produktion ankurbeln und den Bolschewismus in Deutschland ausrotten könnte. Menschen, die anderer Meinung waren, wurden niedergeknüppelt oder ermordet. Mit Hitlers Machtergreifung siegt der Faschismus in seiner pervertiertesten Form. Es entstehen Konzentrationslager, Tausende verschwinden, werden gefoltert und umgebracht. Jüdische Geschäfte werden boykottiert. Die Nürnberger Gesetze zum Schutz des Blutes werden verabschiedet. Die Kriegsindustrie läuft auf Hochtouren. Hitler entfesselt den Zweiten Weltkrieg. Die Masse jubelt Hitler zu. Auch Zweifler verstummen. Max von der Grün läßt den Leser durch Augenzeugenberichte von den Massenerschießungen an Frauen und Kindern erfahren, verschont ihn nicht-einmal – und das ist gut so – vor dem Blick in die Gaskammern, in denen Tote „wie Basaltsäulen stehen, aufrecht und aneinandergepreßt“, herausfallen, weggeschafft und verbrannt werden. Das Buch zeigt den Rückschlag des großen Glücksrades, den Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“.