ARD, Sonntag, 4. März, 21 Uhr: „Esch oder die Anarchie“, Fernsehfilm von Rainer Boldt nach dem Roman von Hermann Broch.

Der inhaltliche Ausgangspunkt dieser Arbeit war weniger, den Schriftsteller zu Worte kommen zu lassen oder sein literarisches Werk zu ,allgemeinverständlichen’, als vielmehr die Spuren aufzudecken, die der Broch in uns, die wir ihn heute lesen, hinterläßt“: dies schreiben die vier Drehbuchautoren (unter ihnen Regisseur Rainer Boldt) zur „Entstehung des Films“ und wollen damit wohl von vorneherein ihre „Sinn-Bilder“ und „visionären Aspekte“ von und zu Brochs Roman (geschrieben Ende der zwanziger Jahre) vor den Maßstäben der literarischen Vorlage schützen.

Brochs Roman „Esch oder die Anarchie“ – der zweite Teil der Trilogie „Die Schlafwandler“ – ist die Geschichte eines Buchhalters, der sich in die Idee der Gerechtigkeit wie in eine buchhalterische Zwangsvorstellung verrennt, wobei sein Lebensinhalt das Ausgleichen imaginärer Konten wird. Jedoch nur für einen Moment seines Lebens. Denn am Ende erwacht der Kleinbürger Esch gleichsam aus seinen Träumen, heiratet die nicht mehr ganz junge Kneipenwirtin Hentjen und avanciert später zum Oberbuchhalter.

Nicht so im Film. Symbolschwer wie der Anfang (die Großaufnahme eines abgewetzten Koffers, der umhüllt wird von dichten Nebelschwaden und umklungen vom bedeutungsschwangeren Beethoven) ist auch das Ende: Esch stirbt und Frau Hentjen, die im Roman nicht nur zufällig keine Kinder mehr bekommen kann, steht erst schwanger, dann mit einem Säugling, darauf begleitet vom heranwachsenden Esch junior vor dem Grab. Die Wiedergeburt des Kleinbürgers oder die Wiederkehr des Immergleichen: platter kann dieser differenzierte Roman, wo nach des Kleinbürgers Traum das Leben eben weitergeht, als wäre nichts geschehen, nicht interpretiert werden. Und so ergeht es leider allen Personen der literarischen Vorlage; sie werden, einer stilisierten Theatralik zuliebe, zu Klischees ihrer widerspruchsvollen Roman-Vorbilder. Zum Beispiel Gastwirtin Hentjen: ihre Abwehr gegen Männer (sie, deren Existenz von saufenden männlichen Gästen abhängt, erstarrt, wenn sie von einem auch nur berührt wird) macht sie gleichsam zur Gegenspielerin des in stumpfer Erotik agierenden Esch; und als der in ihr Zimmer eindringt, um sie, wie alle anderen Frauen auch, endlich zu besitzen, ihren Widerstand zu brechen, gibt sie nach, weil sie ihn in ihrem Zimmer nicht erträgt, sie drängt den Mann ins – ihr innerlich fremde – Witwen-Schlafzimmer und schläft dort mit ihm. Im Film wird daraus eine halb scheue, halb buhlende ältliche Frau, die nur auf die Verführung wartet, deren Widerstand bloßes Zieren ist. Aber auch Esch wird in den bunten, unheilsschweren Blut- und Nebelvisionen (im Drehort Wien wurden alle störenden modernen Bauten mit Rauchwolken eingenebelt) zum eindeutigen Charakter eines dem erotischen Mystizismus Verfallenen – er schlafwandelt, und die Klassenkämpfe, in Gestalt eines höchst langweiligen Gewerkschaftssekretärs, schreiten voran. Sicher keine ganz falsche, aber eben unvollständige Interpretation, die, zumal wenn sie in eine fast opernhafte Bilddramaturgie übersetzt ist, nur noch Langeweile und Ratlosigkeit erzeugt. Besser als Fernsehen wäre in diesem Fall also lesen, zumal der Regisseur nach der Pressevorführung erklärte, er halte den Roman nach wie vor für unverfilmbar. Manuela Reichart