Einen Tag lang ist die Stadt verstummt, kaum Verkehr, geschlossene Flughäfen, vorm Haus das bekannte Geräusch hilflos kreisender Wagenräder, die gleichen Flüche in einer anderen Sprache. Am nächsten Morgen schon taut es, die Kreuzungen ertrinken in den Fluten, am Straßenrand ratlose Passanten – das übliche Klimachaos, von den New Yorkern mit erprobtem Gleichmut ertragen.

Als ein U-Bahn-Zug wegen eines überfluteten Kabels zwei Stunden lang in einem Tunnel unter dem Hudson steckenbleibt, machen sich die Fahrgäste notgedrungen eine schöne Zeit: Sie werfen die Mäntel auf einen Haufen und starteten die Live Show. Ein Student holt die Gitarre hervor, die er in Manhattan verkaufen will, und bringt seinen Mitfahrern den Refrain von „Der Mann, der nie wiederkehren wird“ bei. Die Ballade, vom Kingston-Trio berühmt gemacht, erzählt von einem, der sich in der U-Bahn von Boston verliert.

In der morgendlichen Fernseh-Nachrichten-Show warnt ein Psychiater aus Chicago – wo sich der Winter seit Wochen festgesetzt hat – vor den Auswirkungen der weißen Belagerung. Solchen Streß vergleicht er mit den psychologischen Belastungen, die ein Krieg für die Bevölkerung mit sich bringt. Aus Chicago kommt denn auch eine Nachricht, die als Beweis für die Expertenthese gelten kann: Dort hatte der Schnee dem Fahrer eines Räummobils so zugesetzt, daß er eines Tages die Schaufel statt auf die Schneeberge auf die darin vergrabenen Automobile ansetzte. Das Ergebnis waren mehrere Totalschäden und ein verletzter Mensch.

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Ob man denn in New York mit seinem Schmutz, dem Streß, der Angst leben kann, wird man in Europa immer wieder gefragt. Nach einem Ausflug in die Alte Welt scheint die positive Antwort doppelt gerechtfertigt: Die Stadt scheint die Talsohle hinter sich gelassen Zu haben. Finanzielle Sorgen bleiben, aber wichtiger ist ein noch vorsichtiges Selbstbewußtsein, das von Politikern und Geschäftsleuten an den Tag gelegt wird. Nachdem jahrelang vom Exodus der Großfirmen die Rede war, passiert es nun hin und wieder, daß ein Konzern New York zum idealen Hauptquartier erklärt. Die Filmindustrie entdeckte Manhattan im vergangenen Jahr als günstigen Drehort, nachdem sie die Wolkenkratzer Jahrzehnte lang in Hollywood nachgebaut hatte, und die Klatschkolumnisten vermerken dankbar, daß Stars und solche, die sich dafür halten, New York als Operationsbasis für ihre publizitätsträchtigen Disco- und Party-Feldzüge wählen.

Den Heimkehrer interessieren Kleinigkeiten: Dankbar vermerkt er, daß man an jeder belebten Kreuzung öffentliche Telephone findet, nach denen man sich in deutschen Städten immer noch die Hacken abläuft; daß man bis elf Uhr abends und auch sonntags die vergessene Tüte Milch noch holen kann; daß Manhattans Taxifahrer Virtuosen im Slalomfahren sind und eine Autofahrt dank der allgemein verbreiteten Abneigung gegen Hubkonzerte selbst bei totalem Verkehrschaos leidlich geruhsam wird. Und was die fast legendäre Unfreundlichkeit der New Yorker Taxifahrer angeht, so brauchen sie einen Vergleich mit deutschen Kollegen nicht mehr zu scheuen: Die haben es ihnen längst nachgemacht. Hin und wieder hört man gar ein „Danke“, wenn ein Trinkgeld kassiert wird, und manchmal folgt sogar der Wunsch, man möge noch einen schönen Tag haben, wie eine freiwillige Zugabe nach dem Pflichtvortrag.

Doch die erste Fahrt im eigenen Auto ist jedesmal wieder ein Alptraum. Von hinten prescht ein schnieker Ford Lincoln heran, von rechts drängelt ein Bus, links setzt ein Taxi zur Querfahrt auf den rechten Bürgersteig an. Erst allmählich erkennt man wieder, daß Ordnung im Chaos steckt, oder besser: daß die Regellosigkeit von allen Beteiligten so gekonnt gehandhabt wird, daß Kopfschmerzen schnell verschwinden. Man gewöhnt sich an den kontinuierlichen Fluß der Fahrzeuge, begreift, daß die Blechknäuel sich meist so schnell auflösen, wie sie sich bilden, und, vor allem, daß Kaltblütigkeit oberstes Gebot ist. Slalomfahren auf sechsspurigen Avenuen läßt sich lernen, und Wer es beherrscht, kann bei mäßigem Verkehr auch fünfzig Blocks auf einmal bewältigen.

Abends läuft wieder ein „Docu-Drama“ im Fernsehen: Roots, 2. Teil. Freilich scheinen Zuschauerquoten und Kritikerbegeisterung stark reduziert. – Aus der Geschichte vom Leiden einer schwarzen Familie wird ein weißes Melodrama: Henry Fonda als alternder Colonel, dem die Autorität in seiner Familie und im Dorf abhanden kommt. Diese zweite Folge sei nicht mehr Alex Haleys Geschichte, heißt es, und aus Protest hat zum Beispiel der wegen seiner Darstellung des „Chicken George“ gerühmte Ben Vereen nicht mehr mitgemacht. Der Tadel richtet sich an die Fernsehleute, nicht an den Autor, dessen Ansehen auch die vor Gericht erhobene Klage wegen Plagiats nichts hat anhaben können. Er habe, so Haley im Dezember, so viel gelesen im Zuge seiner umfangreichen Recherchen, daß ihm möglicherweise einige mit der Vorlage identische Passagen untergekommen sein mögen.