Die hohen Wände des Saales bestehen aus etwas wie grauem Beton. Die grauen Jalousien vor den riesigen Fenstern sind geschlossen. Das künstliche Licht kommt aus Neonröhren, die wie langgezogene Striche an den Wänden unterhalb der Saaldecke aufleuchten. Sie machen den kahlen Saal um einiges kälter und die vielen gleich großen Plastiktische mit den gleich roten Plastikstühlen um einiges gemeiner. Die Palme im Hintergrund des Saales sieht in dieser Umgebung aus wie die Lüge eines Designers.

In der rechten Hälfte des Saales, an einem der Plastiktische, auf einem der Plastikstühle sitzt eine Frau. Zu sehen sind über die Menge der Tische und Stühle hinweg nur ihr Gesicht, ihre Schultern, ihre Arme. Das violette Kopftuch, mit dem sie ihre blonden Haare hochgebunden hat, die rotlackierten Fingernägel und die rotgeschminkten Lippen wirken neben den roten Decken auf den Tischen und dem Rot der Plastikstühle wie Tarnung. Auch ihre Augen läßt sie unter den dunklen Lidschatten und den aufgeklebten Wimpern fast verschwinden. Wenn die Frau mit dem bemalten Gesicht, das auf den ersten Blick so verwechselbar erscheint wie die Serienmöbel um sie herum, behauptet, sie befände sich in Marokko („noch elf Tage in Agadir“), scheint sie der Lüge des Designers zu erliegen.

Die Frau mit dem bemalten Gesicht, Frau Lotte aus Remscheid-Lennep (Strauß’ Hauptperson in „Groß und klein“), ist in der Münchner Inszenierung von Dieter Dorn und Jürgen Rose endlos weit von Marokko entfernt. Sie ist auch gleich von Anfang an endlos weit von allen Menschen entfernt. Selbst die Schatten zweier Männer, die sich auf der Terrasse vor dem Speisesaal unterhalten, sind bei Dorn verschwunden. So behalten, Lotte ihr eigenes Selbstgespräch als das Gespräch zweier Fremder. Dreizehnmal spricht sie dabei von „Wahnsinn“. Cornelia Froboess läßt einmal zwischen „Marokko“ und „Wahnsinn“ ein Komma im Text weg und macht aus den beiden Wörtern fast ein einziges: „Marokko-Wahnsinn“. Damit hat Lotte sich selbst verraten. Angeekelt gibt sie später zu, daß dieses Marokko ein Wunschort ist, ein Euphemismus für einen anderen Ort, dem sie viel näher ist. Sie zerdehnt den Namen und spuckt ihn wie eine trotzige Göre neben sich auf den Boden: „Ja-mmer-tal!“. Lotte ist also schon am Anfang am Ende aller Ausflüge und Ausflüchte: in einem großen, grauen Saal ist sie in ihrer Krankheit gefangen.

Eine Frau, ganz ohne Schminke im Gesicht, sitzt am Ende der Münchner Inszenierung wieder in demselben grauen Saal aus Beton. Die Tische fehlen jetzt, die Stühle stehen an den Wänden entlang aufgereiht. Es sind die roten Plastikstühle aus dem Speisesaal in Agadir. Doch Lotte hat die Kraft verloren, sich auf ihren Platz nach Marokko fortzulügen. Lotte ist in der Praxis eines Arztes jetzt genauso am Ende, wie sie schon am Anfang war: In einem großen grauen Saal ist sie gefangen in ihrer Krankheit.

Das Anfangsbild und das Schlußtableau sind in Doms und Roses Inszenierung einander sehr ähnlich (so ähnlich wie bei Strauß der Anfang und der Schluß der „Trilogie des Wiedersehens“). So sieht man in München, wie Strauß mit seinem Stück das Stationendrama nur zitiert und es dabei in eine völlig statische Szenenreihung verwandelt hat.

Zwischen Anfangsbild und Schlußtableau hat Lotte viele Menschen gesehen: Ihren Mann, eine alte Freundin, einen betrunkenen Türken, zwei Geisteswissenschaftler, die Freundin ihres Mannes, ihren Bruder, dessen Frau und deren Bruder ... erreicht hat sie keinen. Was von allen Kontakten bleibt, ist eine Verlustlitanei: „Paul blieb nicht,/Das Zimmer blieb nicht./Bernd und Schwester Annegret/Blieben nicht./Borgward, Vater und Clown Grock/Blieben nicht.“ Dorn hat alle diese Kommunikationsprobleme durch das rasche Tempo seiner Inszenierung verdeutlicht. In Doms Aufführung herrscht BRD-Zeit: Rush-Hour. Fast alle Gesichter, auf die Lotte trifft, erstarren einmal im Verlauf der Gespräche zu der kantigen, leblosen, unter dem Druck mühsam aufrechterhaltener Selbstbeherrschung versteinernden Miene des „Mannes im Parka“, den Lotte an einer Bushaltestelle trifft. Edgar Selge porträtiert in ihm zum Fürchten genau einen bundesdeutschen Durchschnittsmenschen zwischen Lebenslüge und Seelenkrankheit.

Die Münchner Inszenierung zeigt an Strauß’ Stück einen sehr profanen Vorgang. Sie zeigt nicht das Mysterium, sondern die Mechanik des Versagens. Und damit eher eine triumphierende Komödie als ein Trauer- oder ein triumphierende Von der Professionalität und der Perfektion der Botho-Strauß-Inszenierungen, der Botho-Strauß-Regisseure (Niels-Peter Rudolph und Peter Stein) unterscheidet sich Dieter Dorns Inszenierung wohltuend durch ihre spielerische Naivität und eine sehr unakademische Neugier. Nur mit dem Mut zu einer solchen Haltung einem als schwierig verschrieenen Autor gegenüber ist auch die bewundernswerte schauspielerische Leistung der Cornelia Froboess zu erklären. Immer wieder hat die Froboess ihren Mut zur Neugier und ihre Angst vor der Lüge bewiesen: Wenn sie sich manchmal über ihre paradoxen Sätze wirklich gewundert hat; wenn sie prustend lacht nach einer besonders markanten Stelle von Strauß, sich duckt und abwinkt mit den Händen; wenn sie am Schluß nicht wie ein kranker Engel aus dem Wartezimmer geht, sondern sich leise davonschleicht, ein großes Fragezeichen hinterlassend.

Die vollkommenste Inszenierung von „Groß und klein“ war dieser Abend in den Kammerspielen sicher nicht. Die frechste Inszenierung von „Groß und klein“ könnte es durch Cornelia Froboess gewesen sein. Helmut Schödel