Etwas unterhalb der Diskussionsebene im westlichen Bündnis über die neue Generation der Mittelstreckenraketen ist der NATO ein "richtungsweisendes" Abkommen geglückt. Die Füße von Nato-Soldaten werden künftig nicht mehr über den alten, groben Leisten geschlagen, das Schuhwerk wird nicht länger "empirisch" (!) angepaßt: Es wird Nato-weiten Normen unterworfen. Was es künftig möglich macht, das Schuhzeug zwischen den Nationen auszutauschen. Besonders letzteres ist, wie der Zeitschrift Bundeswehrverwaltung zu entnehmen, insbesondere für den Mobilisierungs-Fall "von erheblicher Bedeutung".

Amtlich heißt diese bedeutsame Reform "Standardisierungsabkommen über die Größenangaben bei Kampfschuhwerk STANAG 233 G". Die Vorteile dieser Vereinheitlichung nach dem metrischen System – bisher haben die Franzosen in Stich, Engländer und Amerikaner in Sizes gemessen – sind aber nicht nur im strategischen Aspekt zu suchen. Beendet wird damit auch ein düsteres Kapitel Militärgeschichte, nämlich das "Verpassen" von Schuhen nach kurzer Probe und Augenmaß.

Über den inneren Zusammenhang von Reform, Rücksichten auf Einzelwünsche und ihrer Verankerung in der Bürokratie kann das Abkommen einiges lehren. Zunächst einmal ist künftig "geschultes Fachpersonal unbedingte Voraussetzung" für die Schuhausgabe-Verwaltung, wegen der notwendigen "exakten Messung der Füße und der Ermittlung der genauen Längen- und Weitenmaße", übrigens mit Hilfe eines neuen Fußmeßgeräts. Damit wird das alte System aufgegeben, das "erhebliche Unsicherheitsfaktoren" enthielt.

Die Reform greift allerdings so tief, daß vom Personal "ein Umdenken und eine aufgeschlossene Einstellung zu dem neuen System" erwartet werden muß. Schließlich sollen künftig die "unterschiedlichen anatomischen Gegebenheiten der Fußlänge im Verhältnis zum Ballenumfang" berücksichtigt werden, es werden beide Füße vermessen (wobei der "zu Messende geeignete Strümpfe [Wollsocke] trägt und bei der Messung mit beiden Füßen gleichmäßig aufsteht"), schließlich wird wegen der möglichen Veränderungen des Fußvolumens im Laufe, des Tages" regelmäßig nachmittags gemessen. Übergangsschwierigkeiten, folgert das Fachblatt, seien nicht auszuschließen. Dennoch hat die Verwaltung die Reform nun fest im Griff. Mit dem Karneval, der das politische Bonn fast eine Woche lang lahmlegte, hat das alles nichts zu tun.

*

Zum Karneval, aber "ernstgemeint", haben die Jungdemokraten eine Umbenennung von TEE-, IC- und Messe-Zügen der Bundesbahn vorgeschlagen, weil die Namen zum Teil dünkelhaft (Patrizier, Prinzipal, Messe-Baron), deutschtümelnd (Germania, Porta Westfalica, Parsifal), fragwürdig (Störtebeker, Prinz Eugen, Messe-Agent) oder phantasielos seien; (Schwabenpfeil, Dompfeil, Rheinpfeil, Rheinblitz, Rheingold), Bei den neuen Namen, schlägt der Parteinachwuchs der FDP nun vor, sollten deutsche Freiheitskämpfer und Antifaschisten berücksichtigt werden. Ihre Vorschläge: für "Prinz Eugen" (Hannover–Wien): Robert Blum. Für "Markgraf": Friedrich Hecker. Für "Saphir": Bernstein. Für "Toller Bomberg": Ernst Toller, Für "Adler": Sigmund Freud. Für "Münchner Kindl": Karl Valentin. Für "Messe-Agent": Rote Kapelle.

"Politisch Verfolgte genießen Asylrecht". So steht es lapidar im Grundrechtskatalog (Art. 16). Aber wer entscheidet über "politisch Verfolgte" oder "Scheinasylanten", wie das Wort in der Verwaltungssprache heißt? Darüber sind sich der Bonner Innenminister Baum (FDP) und der bayerische Innenminister Tandler in die Haare geraten. Aber der Streit klingt heftiger, als er ist.