Von Heinz Josef Herbort

Er hat es geschafft. Als Rolf Liebermann von der Hamburger in die Pariser Opernintendanz wechselte, im Herbst 1972, änderte er auch Zielrichtung und Schwerpunkte seiner An- und Absichten. An den zahlreichen hochfliegenden Plänen, die der Prinzipal von der Alster mit an die Seine nahm, hat er inzwischen manch einen Abstrich machen müssen, Zwei außerordentlich delikate und darum auch lange äußerst diskret behandelte Vorhaben hingegen, die der schlaue Fuchs schon in Hamburg erwogen, für Paris aber um so genüßlicher plante, darf er mit geziemender Süffisanz nunmehr auf der Haben-Seite seiner Bilanz verbuchen.

Da hatte, zum einen, der Dirigent und Komponist Pierre Boulez in einem zugegebenermaßen ziemlich aufgepusteten Spiegel-Interview gefordert „Sprengt die Opernhäuser in die Luft“ – und eben diesen Pierre Boulez, der zwischenzeitlich eine ganze Menge seiner damaligen starken Worte durch (nicht immer nur starke) Taten in New York, London und Bayreuth widerrufen hatte, brachte Rolf Liebermann nun dazu, ausgerechnet, an seiner Pariser Opera zu dirigieren (Boulez damals: „Das Pariser Opernhaus ist voller Staub und Scheiße – um gut deutsch zu sprechen. Das liegt auf der Touristentour wie die Folies-Bergères oder der Invalidendom, wo das Grab von Napoleon ist“).

Der Welt nichts vorenthalten

Da hatte, zum anderen, der Komponist Alban Berg bei seinem Tode 1935 seine Oper „Lulu“ als Fragment hinterlassen, und Rolf Liebermann sah es als eines seiner „Lebensziele“ an, die Fertigstellung des Stücks und seine erste komplette Aufführung durchzusetzen. Am vergangenen Samstag fand die erste einer Reihe von „versuchsweisen Aufführungen“ statt – und wenn stimmt, was halboffiziell verkündet wurde, sollen Publikum und Presse zusammen mit der alleinerbenden Alban-Berg-Stiftung darüber urteilen, ob die komplettierte Fassung auch in Zukunft gespielt werden soll. So viel scheinbare Macht wurde uns Journalisten schon lange nicht mehr eingeräumt.

Aber kann man, darf man an dem unvollendeten Werk eines Künstlers etwas „ergänzen“? Ist es etwa vorstellbar, daß jemand allen Ernstes den Torso vom vatikanischen Belvedere (wieder) ergänzte? Lassen sich Rodins Figuren „komplettieren“? Könnte jemand Hölderlins „Tod des Empedokles“ zu Ende schreiben oder Musils „Mann ohne Eigenschaften“? Selten zuvor hat eine Opernpremiere so viel künstlerische Erwartung wie moralische Bedenken, juristische Spitzfindigkeiten wie finanzielle Konsequenzen zu verkraften gehabt wie diese Pariser „Lulu integrale“.

Die unumstößliche Macht des Faktischen: Als Alban Berg im Dezember 1935 starb, hatte er für die „Lulu“ zwar das musikalische Geschehen bis zum letzten Takt komponiert, allein nur die beiden ersten Akte komplett und die ersten 286 Takte des dritten Aktes instrumentiert als Partitur geschrieben (wie weit dieser Teil als endgültig anzusehen ist, bleibt noch zu fragen). Der Rest liegt in einem sogenannten Particell vor, wo von der Komposition nur die Gesangspartien (und auch die nur unvollständig) sowie das auf eine Art Klavierauszug, auf die Haupt- und Nebenstimmen reduzierte Orchester notiert sind; dazu Angaben über Phrasierung, Dynamik, Instrumentation, Artikulation; ferner Regieanweisungen. Darüber hinaus existiert die Partitur von „Symphonischen Stücken“, Teilen aus „Lulu“, die der Komponist vorab für ein Konzert exzerpierte und deren 4. und 5. Satz zum größten Teil im dritten Akt der Oper wörtlich enthalten sind.