ZEIT: Die Lohnrunde dieses Jahres hat mit einem Paukenschlag begonnen, nämlich mit einem – zumindest für deutsche Verhältnisse – ungewöhnlich harten und langen Arbeitskampf in der Stahlindustrie.

Umfragen im Auftrag der ZEIT haben ergeben, daß 63 Prozent der Bevölkerung und mit 53 Prozent auch eine Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer der Ansicht sind, daß die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in den letzten Jahren härter geworden sind. Nur zwölf Prozent aller Bundesbürger und 16 Prozent der Gewerkschaftmitglieder finden dies gut; zwei Drittel aller Befragten und über die Hälfte der Organisierten, die dieser Meinung sind, halten diese Entwicklung dagegen für „eher gefährlich“.

Der Vorstand der IG Metall hat erklärt, die Gewerkschaft wolle keine „Lohnerhöhungsmaschine“ sein. Mit ihrer traditionellen, vor allem auf Einkommenserhöhung ausgerichteten Politik geraten die Gewerkschaften immer wieder in eine Zwickmühle: Entweder wird ihnen öffentlich vorgeworfen, sie hatten durch zu hohe Lohnforderungen Inflation und Arbeitslosigkeit mitverschuldet, oder sie müssen bei Abschlüssen, die sich nachträglich als zu bescheiden herausstellen, mit einer Revolte ihrer Mitglieder rechnen – wie beim „heißen Herbst“ 1969 an der Ruhr. Der Aufstand der Vertrauensleute in der Stahlindustrie gegen den eigenen Vorstand muß den Gewerkschaften wie den Arbeitgebern zu denken geben.

Wird es nicht langsam Zeit, nach neuen Wegen und Riten in der Tarifpolitik zu suchen – vor allem dann, wenn wir davon ausgehen, daß die Zeit der ganz hohen Wachstumsraten vorerst vorbei ist, die Verteilungsspielräume also enger werden und damit die Gefahr wächst,, durch eine allzu forsche Lohnpolitik die Kuh zu schwächen, die man melken möchte?

Fels: Die Tarifparteien müssen seit der Rezession mit zwei Problemen fertig werden: Einmal sind die Spielräume für Einkommenserhöhungen und Arbeitszeitverkürzung kleiner geworden. Die Tarifpolitik muß sich also auf niedrigere Zuwachsraten einstellen. Zum anderen wird von den Tarifparteien ein Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit erwartet, die sich vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, als Problem eines zu hohen Kostenniveaus darstellt. Die Anpassung an die neue Situation fällt naturgemäß den Gewerkschaften schwer, die ja im Prinzip nicht dazu da sind, ihren Mitgliedern Opfer abzufordern. Auch deshalb muß darüber nachgedacht werden, ob nicht Produktivitätsfortschritte im Bereich der Lohnfindung möglich sind – damit nicht immer wieder Irrwege eingeschlagen werden, die nachträglich eine schmerzhafte Kurskorrektur verlangen.

Eine Schwierigkeit, die die Lohnfindung in den letzten Jahren belastet hat, ist in der Unsicherheit der Wirtschaftsprognosen begründet. Zumindest seit 1974 waren die Tarifverhandlungen von Erwartungen beeinflußt, die sich im nachhinein fast immer als zu hoch erwiesen haben. So wurden zu Beginn des Jahres 1974, als wichtige Lohnverhandlungen im öffentlichen Dienst und in der Metallverarbeitung stattfanden, Preissteigerungen bis zu zehn Prozent erwartet; nachher lag die Inflationsrate für 1974 bei sieben Prozent. Die Reallöhne stiegen also stärker, als eigentlich beabsichtigt war. In der Lohnrunde 1976 war das Leitmotiv: Reallohnsicherung. Erwartet wurden Preissteigerungen von sechs bis sieben Prozent. In dieser Größenordnung hielten sich die Abschlüsse Hinterher zeigte sich, daß die Preise nur um etwa vier Prozent gestiegen waren. 1977 hat man sich über das Ausmaß der konjunkturellen Erholung getäuscht. In mehreren Jahren hat es also einen Reallohnanstieg gegeben, der über dem lag, was die Tarifparteien im Auge hatten, als sie die Verträge unterschrieben. Bei solchen Abschlüssen dürfte auf Seiten der Gewerkschaften die Absicht im Spiel gewesen sein, die Verteilungsposition der Arbeitnehmer vor den Risiken der Preis- und Konjunkturentwicklung abzusichern.

Nachträglich ist es für die Gewerkschaften sicherlich sehr schwer, einen Korrekturbedarf einzuräumen. Um den Tarifabschluß ist ja häufig hart gekämpft worden, manchmal wird um Bruchteile von Prozenten gestreikt. Die Korrektur eines zu hohen Kostenniveaus scheint, das lehrt die Erfahrung, allenfalls in kleinen Schritten möglich zu sein.