Lübeck

Vorn darf man nichts. Hinten darf man alles. Wer sich an diese allgemein plausible Regelung hält, wird mit der Deutschen Bundespost nie Streit haben. Die Lübecker Bürgerinitiative "Alternativer Förderkreis Umweltschutz" (AFU) hielt sich nicht daran und bekam prompt oder besser postwendend die ganze Post zurück: 9000 Briefe, auf deren Umschlägen vom, neben der Anschrift, die Sonne lachte, das Emblem der Atomkraftgegner, die rote Energiespenderin, umrahmt von dem Spruch "Atomkraft? – Nein Danke".

Beim Postamt 1 in Lübeck erregte der Aufkleber Mißfallen, weil dies eine politische Aussage sei. Und politische Aussagen befördert die Post nicht, sobald sie auf der Vorderseite etwa eines Briefumschlags gemacht werden. Hinten darf der Absender so politisch sein wie er mag. Da kann er ungestraft zur Weltrevolution aufrufen oder schriftlich "Völker, hört die Signale" anstimmen. Doch vorn hat er sich jeder politischen oder religiösen Äußerung zu enthalten. So will es Paragraph 13 der Postordnung.

Wer jedoch will sagen, wann eine Aussage politisch ist und wann nicht? Die Oberpostdirektion Hamburg kann es: "Dynamische Aussagen sind politisch, statische sind unpolitisch." Unpolitisch findet die Hamburger Oberpostdirektion beispielsweise, was sich das Bundesministerium des Innern einfallen ließ. Eine Postkarte mit dem Aufdruck "Umweltschutz – mitmachen".

Alternative Umweltschützer und Hamburger Oberpostdirektion zogen vor das Verwaltungsgericht in Hamburg. Die Justiz entschied für die Post. "Atomkraft? – Nein Danke" sei Politik. Die Anti-Atom-Sonne könne womöglich Bedienstete der Post indoktrinieren, wurde dem AFU-Anwalt Hörmann vor Gericht entgegengehalten. "Mir", gestand er, "wird bei solchen Begründungen weitgehend schlecht." Sein Argument im Hinblick auf Paragraph 13: Beim Zeitungs- und Zeitschriftenversand lasse die Post doch auch neben dem kleinen Anschriftenetikett des Abonnenten Überschriften und Schlagzeilen mit politischem Gehalt durchgehen.

Inzwischen hatte sich im Städtchen Münster ein Atomkraftgegner zum dortigen Postamt begeben, um einen Brief an die Bürgerinitiative in Lübeck aufzugeben. Der Umschlag war mit der freundlich roten Sonne geschmückt. Den Brief sehen und ihn an die Post nach Münster zurückgehen lassen, war im Lübecker Postamt eins. Die Kollegen in Münster ließ man wissen, daß die Sendung "gemäß Paragraph 13 von der Postbeförderung ausgeschlossen" sei. Die Kollegen in Münster allerdings waren anderer Meinung. Sie schickten den Brief samt Sonne abermals auf die Reise gen Norden. Jetzt begleitet von diesem Vermerk: "Wir bitten, die beiliegende Sendung auszuhändigen, da der angebrachte Aufkleber nach unserer Meinung eine Zustellung nicht ausschließt."

Sechs Wochen war der Brief unterwegs und erreichte endlich doch seinen Empfänger. Bloß arg zerschunden. Ein Unbekannter, wahrscheinlich ein Lübecker Postbeamter, hatte an der Sonne herumgekratzt, sie halbwegs zerrissen und den hartnäckigen Rest mit Kugelschreiber überkritzelt. Das verschmierte Emblem wiederum ist nun Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens: Sonne gegen Unbekannt.