Jugendbücher haben fast immer „Gesellschaftsprobleme“ zum Thema. Sie handeln von Jugendkriminalität, Rassendiskriminierung, Drogenmißbrauch, vom jungen Menschen allein handeln sie selten. Autoren scheuen sich offenbar, die innere Entwicklung einer Figur zum einzigen Thema zu machen. Zuwenig erzählerisches Fleisch, befürchtet man, zuviel Seelenschau, die den jungen Leser nur langweilt. Hinzu kommt, daß man bei solchen Geschichten nicht umhin kann, das aufzuschreiben, was in diesem Alter zum Aufregendsten gehört: die Sexualität. Im Jugendbuch aber wird schon vor dem Happy-End gewöhnlich abgeblendet. Die Folge sind jene blutleeren Geschichten von seltsam gefühlsmäßig – offenbar sogar physisch – amputierten Figurinen, die dann von der Zielgruppe kalt lächelnd abgelehnt werden. Spätestens mit Bravo ist nämlich alles klar.

Ein so langer Vorspann ist nötig, wenn man das neue Buch von

Dieter Pflanz: „Probeläufe“; Benziger Verlag, Köln; 142 S., 16,80 DM

vorstellen möchte, denn die Reaktionen der Siegelbewahrer „kindgemäßer“ Literatur kann ich mir gut ausmalen. Darum vorneweg: Ich glaube, daß wir mit solchen Büchern die Jugendliteratur aus ihrer Zweitrangigkeit befreien können.

Die „Probeläufe“, die hier ein ich-erzählender Gymnasiast von achtzehn Jahren rekapituliert, führen zu ihm selbst. Wann die „Geschichte“ anfängt, nämlich die des Erwachsenwerdens, weiß er nicht genau. Er registriert nur, daß er von seiner Kindheit nichts mehr wissen, will („Scheißerinnerungen“ an die Abenteuerspiele), nicht mehr mit Karl May durch die „Prärie“ pirschen will, sondern mit einer „Frau“ im Gras liegen möchte. Er probt das Mannsein. Anfangs nur ein großmäuliges Männchenmachen. Die selbstironische Beschreibung dieser Rollensuche wird den Lesern heilsames Lächeln über eigene Schwierigkeiten ermöglichen. Anders (so sein programmatischer Name) verschießt sich in Sonja, die nicht nur eine „astreine“ Figur hat, sondern auch noch wie die Frau im „Raskolnikow“ heißt. Aber Sonja ist ein Discohäschen („Innen war wenig, fast nichts. Gähnende Leere.“), interessiert sich weder für „Ludwig“ (Wittgenstein) und „Pavese“, noch für Strange, Anders’ Hund. Das sexuelle Abenteuer ist deshalb nur von kurzer Dauer, denn das ist schließlich die Trias, zwischen der Anders seine Orientierung sucht: Der Selbstmörder Pavese mit seinen faszinierenden Sprüchen vom einsamen Helden; der erste Satz von Wittgensteins „Tractatus logicophilosophicus“ („Die Welt ist alles, was der Fall ist.“), der ihn immer wieder aus seiner Selbstmordkoketterie ins Leben zurückholt und sein drahtiger Terrier, der die dressierten Schäferhunde „ohne Rückgrat“ in die Flucht schlägt

Anders muß einen weiteren. Probelauf, unternehmen, ehe er durch die Episode mit einer jungen Lehrerin sein prägendes Liebeserlebnis hat. Anders ist da einen Augenblick lang ganz er selbst: wortlos verstanden von der älteren Frau als gleichberechtigter Partner wie auch albern kindlich in der angstfreien Wärme der Situation. Ich habe manches auszusetzen an diesem Buch. Es ist kein Roman, allenfalls eine Erzählung, die das gesellschaftliche Umfeld fast völlig ausspart und sich ganz auf die Entwicklungsgeschichte konzentriert. Und wo Pflanz schon mal Alltägliches einschiebt, da ist es oft ein bißchen antiquiert: Typen, wie sein Anders, lesen bestimmt lieber Bukowski als „Schau heimwärts, Engel“ und fordern nicht statt Disco „echten Beat“, den gibt’s schon lange nicht mehr. Man weiß nicht recht, wann die Geschichte spielt, und manchmal geht die Schnoddrigkeit à la Salinger mit dem Autor durch.

Aber das sind Kleinigkeiten angesichts einer brillant geschriebenen Geschichte über das lange vernachlässigte Zentralthema der Jugendliteratur.

Rudolf Herfurtner