Von Dieter Buhl

Der größte Ballungsraum der Bundesrepublik gilt nun auch offiziell als ein Problemgebiet. Eine Entwicklung, die lange Zeit von den Politikern übersehen oder verdrängt wurde, rückt damit endlich auf die Tagesordnung: der Niedergang des Ruhrgebietes, Nachdem die CDU Ende des vergangenen Jahres eine ständige Revier-Konferenz gründete, blies in der vergangenen Woche auch der nordrheinwestfälische Ministerpräsident zum Sammeln, Rau will im Mai in einer gemeinsamen Aktion mit Parteien, Gewerkschaften, Handelskammern und anderen Organisationen nach Rezepten für den kranken Mann an der Ruhr suchen.

So lobenswert die plötzlichen Aktivitäten sind – es stellen sich doch automatisch Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit ein. Zu oft diente die Ruhr als Blaupause für großartige Pläne, zu oft wurde den Revierbürgern das Blaue vom Himmel versprachen, als daß jetzt die Absichtserklärungen zum vollen Nennwert genommen werden könnten. Auch hinter dem neuen Ansatz könnte mehr politisches Kalkül als echte Sorge stecken. Denn in diesem Jahr stehen Europa- und Kommunalwahlen an, im nächsten Jahr werden der Düsseldorfer Landtag und der Bundestag gewählt. Das wäre gewiß Grund genug, sich verstärkt um das größte Wählerreservoir der Republik zu kümmern.

Doch diesmal sollten sich die Parteien vor nur wahltaktisch angelegter Fürsorge hüten. Nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, auch die Zukunft der bevölkerungsstärksten deutschen Region steht auf dem Spiel. Arbeitslosigkeitsraten von 8,7 Prozent in Gelsenkirchen und 8,4 Prozent in Duisburg, die weit über dem Bundesdurchschnitt liegende Unterbeschäftigung in den übrigen Revierstädten kennzeichnen den Ernst der Lage. Mit den Folgen der Rezession ist dieser Minusrekord allein nicht mehr zu erklären. Er markiert vielmehr unübersehbar eine chronische Auszehrung, die das Revier von 1957 bis 1976 über 360 000 Arbeitsplätze im Industriebereich gekostet hat. Überalterung, ein Heer von Frührentnern und die Abwanderung von mehr als einer halben Million Menschen während der letzten 13 Jahre verdunkeln zusätzlich das Bild des einstmals "goldenen Westens".

Was verursachte die Talfahrt des Reviers? Seine Abhängigkeit von den krisenanfälligen Industriebereichen Kohle und Stahl allein begründet die Schwierigkeiten nicht. Mindestens ebenso viel Schaden erleidet die Ruhr durch ihre politische Monostruktur. In den Rathäusern, wo, mit wenigen Ausnahmen, seit Kriegsende die Sozialdemokraten regieren, haben sich Mittelmäßigkeit, Ideenarmut und Vetternwirtschaft breitgemacht. Mangels einer erwähnenswerten Opposition findet die politische Auseinandersetzung vornehmlich in den Reihen der SPD statt,

Diese Inzucht lähmt seit langem die Entwicklung der Ruhrstädte. Sie löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus: Die zur Verbesserung der Lebensbedingungen nötige Entflechtung von Wohn- und Industriegebieten wurde nie systematisch in Angriff genommen, die Ansiedlung neuer Betriebe zu spät forciert Weil von der Ruhr kein konzertierter Druck kam, konnte der ehemalige Ministerpräsident Kühn die Region über ein Jahrzehnt lang mit Almosen statt mit einem umfassenden Förderungskonzept abfinden. Weil die Ruhr in Bonn keine durchsetzungsfähige Lobby besitzt, beschränkte sich der Bund weitgehend auf die Unterstützung der Kohle und faßte sogar die Abschaffung der für die Reviergemeinden lebenswichtigen Lohnsummensteuer ins Auge.

Der Dämmerzustand des Reviers soll nun ein Ende haben. Die Parteien müssen sich jedoch darüber im klaren sein, daß ihr Rettungsfeldzug keine Halbtagsbeschäftigung sein kann. Schwierige politische und ökonomische Hindernisse sind aus dem Weg zu räumen, um die alte Industrieregion wieder auf Schwung zu bringen: