Von Peter Mezger

Teheran, Ende Februar

Kurz vor der Abreise in die heilige Stadt Ghom zeigte sich Ajatollah Chomeini noch einmal streng islamisch. Er erklärte, das vom Schah und seinem Parlament 1974 erlassene Familienschutzgesetz für nicht vereinbar mit den Prinzipien des islamischen Rechts (Shariat). Männer dürfen sich jetzt im Iran wieder ohne Gerichtsbeschluß nach einer einfachen Erklärung von ihren Frauen scheiden lassen. Bisher war die Scheidung auf islamisch mit ein bis drei Jahren Gefängnis bestraft worden. Der Justizminister der provisorischen Regierung erfuhr den Spruch des Obersten Richters Chomeini aus der Zeitung. Doch wie er wird sich die gesamte provisorische Regierung an einsame Beschlüsse des Oberhirten gewöhnen müssen. Wie zu Zeiten des Schah ist das Teheraner Kabinett auch jetzt wieder einer gottähnlichen Person unterstellt.

Die letzten Audienzen des 78jährigen Schiitenführers zeigten einen geistig und körperlich überanstrengten Mann. Er war nicht einmal mehr in der Lage, die Kleidungsstücke, die ihm die von seiner Ausstrahlung immer noch hypnotisierte Bevölkerung zuwarf, in die Hand zu nehmen und zurückzugeben. Helfer führten seine wie gelähmt wirkende Hand. Nach zwei Minuten am Fenster mußte er sich fünf Minuten zurückziehen und erholen. Während er vor zwei Wochen noch die Huldigung seiner Millionen Anhänger von 9 bis 12 Uhr und von 14.30 bis 17 Uhr entgegennehmen konnte, wurden die Fensteraudienzen in den letzten Tagen auf Minuten reduziert.

Seine seit fünf Monaten andauernde, totale Ein-Mann-Show hat Spuren hinterlassen. Im Gegensatz zu den führenden Männern der provisorischen Regierung, die während der Schah-Herrschaft im Lande waren und nur mit politischer Geschmeidigkeit Gefängnis und Savak-Foltermethoden überleben konnten, brauchte Chomeini als einsamer Rufer aus dem Exil nie Kompromisse einzugehen. Die Mahnungen seiner Ajatollah-Kollegen, seinen Starrsinn nicht zu weit zu treiben und auch auf die Rücksicht zu nehmen, die als illegale Opposition im Lande ihr Leben riskiert haben, scheinen ihn getroffen zu haben. Der Entschluß, sich auf seinen alten Sitz als Kirchenfürst in der heiligen Stadt Ghom zurückzuziehen, ist dadurch beschleunigt worden.

Beginnt jetzt die Stunde der Politiker? Kann im Teheraner Regierungssitz nun eine von geistlicher Bevormundung unabhängigere Politik gemacht werden? Selbst ein grobes Abschätzen der Machtverhältnisse im Iran bereitet Schwierigkeiten. Auffallend ist, daß Ministerpräsident Bazargan seine Regierungsbildung mit der Ernennung des Informationsministers zwar endlich abgeschlossen hat, daß aber sein Kabinett öffentlich überhaupt noch nicht richtig in Erscheinung trat. Mehdi Bazargan äußert sich nur über den Umweg durch die Auslandspresse. Er scheint die Unsitte seines Vorgängers Bachtiar übernommen zu haben, Interviews nur in Französisch und nicht in der Landessprache zu geben. So unterbrach er den Versuch des Teheran Journals, ein Gespräch mit ihm zu führen, weil Le Monde an der anderen Leitung war; noch peinlicher wurde es, als er dann zugeben mußte, von den acht Todesurteilen und Exekutionen erst aus der Zeitung erfahren zu haben. Die Gerüchte, daß Chomeini seinen Regierungschef zur Zeit übergehe, weil er, allen Dementis zum Trotz, seinem Vorgänger und Freund Bachtiar zur Flucht ins Ausland verholfen habe, bekommen immer neue Nahrung.

Der Fall Bachtiar mag als Grund für ein vorübergehend frostiges Klima zwischen Chomeini und Bazargan ausreichen. Doch vor allem die unterschiedliche Vergangenheit der beiden führenden Männer wird jedwede Herzlichkeit in ihrem Verhältnis zueinander verhindern. Bazargan und die übrigen Regierungsmitglieder, die aus der alten Oppositionsbewegung Nationale Front stammen, sind nicht für die Rolle von Revolutionären programmiert. Sie halten sich bei dem Revolutionsspiei des Ajatollah lieber zurück. Die meisten von ihnen haben in Europa studiert, ein europäisches Demokratie-Verständnis mit nach Hause gebracht, und sie machen sich über die wacklige Legitimation ihrer Regierung keine Illusionen. Deshalb ist auch Bazargans Ankündigung ernst zu nehmen, er wolle ein Referendum über die zukünftige Verfassung abhalten und Wahlen vorbereiten, dann jedoch nicht mehr als Premier zur Verfügung stehen.