Krach um einen Vietnamfilm: Die Ostblockstaaten verlassen die Berlinale

Russen raus“, meldete am Freitag letzter Woche Axel Springers „BZ“ triumphierend. Nach neun Jahren der Ruhe hatte sich bei den Berliner Filmfestspielen wieder einmal ein politischer Eklat begeben, den die sowjetische Delegation mitsamt ihren osteuropäischen und kubanischen Satelliten erzwang. Wie 1970, als der Streit um Michael Verhoevens nicht gerade amerikafreundliche Vietnam-Parabel „O.K.“ zum Abbruch des Festivals führte, ging es auch diesmal um einen Film über den schmutzigen Krieg in Asien.

Fern von Vietnam meinten die Russen in Berlin die Ehre des „heroischen Volkes von Vietnam“ verteidigen zu müssen, die sie durch den amerikanischen Beitrag „The Deer Hunter“ („Die durch die Hölle gehen“) von Michael Cimino beschädigt glaubten: einem Film, der die authentische Erfahrung dieses amerikanischen Traumas nicht aus einer liberalen, intellektuellen Perspektive zu vermitteln versucht (wie zuletzt Hai Ashbys „Coming home“ mit Jane Fonda), sondern aus der unpolitischen Sicht von drei Stahlarbeitern aus einer kleinen Industriestadt in Pennsylvania, Abkömmlingen russischer Einwanderer, die den Krieg als eine perverse Orgie totaler Destruktion erleben. Das Todesspiel des Russischen Roulette, das die Amerikaner zuerst in einem nordvietnamesischen Kriegsgefangenenlager kennenlernen, das aber nicht nur von sadistischen Vietcong-Offizieren praktiziert wird, sondern auch von Amerikanern, Franzosen und Südvietnamesen im sterbenden Saigon, wird zur beherrschenden Metapher dieses düsteren, grandiosen Films. Man kann dieses große Epos, das in seinen besten Momenten die Qualität von Luchino Viscontis „Götterdämmerung“ erreicht, das auf sehr radikale Weise den amerikanischen Mythos vom individualistischen „Lederstrumpf“ und „Deer Slayer“ mit der Realität des modernen Vernichtungskrieges konfrontiert, gewiß unterschiedlich interpretieren. Um seine Perspektive, die von Anfang an keine politische, kritische ist, die gleichwohl mehr von den wahren Verwüstungen vermittelt, durchzuhalten, setzt sich Cimino vielen Mißverständnissen aus: bis hin zu jener Schlußsequenz, in der die Davongekommenen, in ihre „Community“ (durchaus im konservativen Sinne eines John Ford) heimgekehrten Überlebenden ein zaghaftes „God bless America“ anstimmen.

Aber so wenig „The Deer Hunter“ ein makelloses Meisterwerk ist (es gibt diverse Brüche und Unsicherheiten in der Erzählweise, und manchmal erscheint das blutige Pathos des Films doch fragwürdig), so wenig gerechtfertigt erscheint einem der Protest und die Abreise der Delegationen der sozialistischen Länder aus Berlin. Denn „The Deer Hunter“ ist nichts weniger, als rassistisch (ein in Berlin oft gehörter Vorwurf) und völkerverhetzend: keine Fortsetzung von John Waynes rechtsradikalen „Green Berets“, sondern ein Verzweiflungsschrei aus einer Hölle. Den Film in Berlin (außerhalb des Wettbewerbs) zur Diskussion zu stellen, war eine richtige Entscheidung.

Die Festival-Leitung reagierte hart auf den Erpressungsversuch der Sowjets, die schon im Januar beim Festival in Belgrad gegen „The Deer Hunter“ protestiert hatten (dort aber nur mit einer Resolution) und nun in Berlin die Absetzung des Films verlangten: erklärtermaßen auch unter dem Eindruck des neuen Dschungelkrieges in Vietnam. So meinte man wohl weniger „The Deer Hunter“ – von der kubanischen Delegation hörte man, daß sie eher widerwillig abreise, und auch einige Osteuropäer zeigten sich keineswegs begeistert von der Aktion – als die „barbarischen Aggressoren“ aus Peking: Festivalpolitik als Weltpolitik auf Umwegen. Aber auch den Berlinern blieb keine Möglichkeit, ihre Gastgeberrolle ohne Gesichtsverlust weiterzuspielen: Schließlich wird bald in Berlin gewählt, da mag eine harte Linie von Bürgermeister Stobbe der SPD schon ein paar Stimmen bringen.

Gewonnen bei dieser unschönen Affäre hat wohl nur der amerikanische Verleih, der „The Deer Hunter“ jetzt mit einem konkurrenzlosen Werbeslogan in die Kinos bringen kann: „Der Film, der die Russen aus Berlin vertrieb“. Hoffentlich kommen sie nächstes Jahr wieder. (Siehe auch Seite 48.) Hans C. Blumenberg