Schütze Müller hat jetzt ausgedient – Seite 1

Von Gerhard Seehase

Ganz einfach: Müller. Natürlich kann man so im allgemeinen nicht heißen, wenn man berühmt, werden will. Es fehlt zumindest der Bindestrich und die Namensanleihe bei der weiblichen Linie des Hauses. Der Müller Gerd aber schaffte es auf dem direkten Weg über den Allerweltsnamen, weltberühmt zu werden – und damit ist schon gesagt, daß dieser Mann unglaubliche Fähigkeiten gehabt haben muß. Denn wie sonst wäre er wohl zum "Bomber der Nation" geworden?

Nun erfreut sich dieser Gerd Müller, der gerade 33 Jahre alt ist, bester körperlicher Gesundheit. Wenn von ihm trotzdem in diesem Bericht in der Vergangenheitsform geschrieben werden muß, so hat das einen ganz einfachen Grund: Gerd Müller, der erfolgreichste Fußball-Torschütze der Welt, wird für seinen Verein, den FC Bayern München, keine Tore mehr schießen. Er hat sich aufgefordert gefühlt, Abschied zu nehmen; und weil es sich dabei um einen unrühmlichen Abschied handelte, "den der Gerd nicht verdient hat" (Ex-Bundestrainer Helmut Schön), wurde dem Ex-Bayern-Spieler aus allen Ecken und Kanten der Öffentlichkeit eindrucksvoller Prominenten-Trost zuteil.

Uwe Seeler, der nach Beendigung seiner eigenen Torjäger-Karriere ein glanzvolles Abschiedsspiel im Hamburger Volksparkstadion erhalten hatte, schrieb gar einen "offenen Brief" an die Müllersche Adresse, in dem er für seinen ehemaligen Nationalmannschafts-Kollegen in die Bresche sprang: Niemand darf auf Dir herumhacken. Ein so verdienstvoller Spieler, der Fußballgeschichte schrieb, hat einen ehrenvollen Abgang verdient."

Was war passiert? Nun, am 3. Februar dieses Jahres war Gerd Müller während der Bundesliga-Begegnung der Bayern mit Eintracht Frankfurt vom Münchner Trainer Pal Csernai vorzeitig vom Platz geholt worden. Aber nicht etwa, weil der Müller Gerd verletzt gewesen wäre, sondern einfach deshalb, weil er nach Ansicht seines Trainers nicht mehr gut genug gespielt hatte.

An diesem Tag brach für den Münchner Torjäger eine Welt zusammen. Er wollte es nicht wahrhaben, daß ein unberühmter Mann wie Csernai von einem Fußball-Idol wie Müller sagen durfte: "Müllers Leistungen reichen für die Bundesliga nicht mehr aus. Der Verein kann es sich deshalb nicht leisten, ihm noch eine Chance zu geben."

Nur, Sentimentalitäten zählen eben nicht im Fußballgeschäft. Und die Wehleidigkeit, mit der sich dieser verdienstvolle Fußballstar in den Schmollwinkel zurückzog, verursachte selbst bei seinen eigenen Mannschaftskollegen wie Sepp Maier und Paul Breitner nicht nur Zustimmung. Auch Günter Netzer, der jetzige HSV-Manager, "hätte ihm zwar einen besseren Abschied gegönnt" ("er bleibt für mich als Spieler ein Phänomen"); aber auch er meint: "Er hat einfach den rechtzeitigen Absprung verpaßt."

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Und in der Süddeutschen Zeitung war gar zu lesen: "Ja, kann denn ein verdienter Dribbelgreis von 33 Jahren bei uns in Fußball-Deutschland nicht mehr in Ehren alt werden?"

Durch die Maschen des Tornetzes gesehen, war Gerd Müller zweifellos der erfolgreichste Torschütze des deutschen und internationalen Fußballs – und der Schrecken aller Torwächter. In den 427 Bundesligaspielen, die er für den FC Bayern bestritt, brachte er es auf die Rekordzahl von 365 Toren. "Rekord" bedeutete auch seine Torquote in der deutschen Nationalmannschaft: in 62 Länderspielen kam er auf 68 Treffer.

Nur, "wie" der Müller Gerd seine Tore erzielte, das wird aus keiner Statistik deutlich. Und doch war es gerade die Art, in der er seine Torerfolge verbuchte, die – vielleicht – erklärt, "weshalb" er den rechtzeitigen Absprung von der großen Fußball-Bühne verpaßte.

Ein Beispiel. Das war am 31. Oktober 1971. Der FC Bayern spielte im Hamburger Volksparkstadion gegen den HSV. Es wurde gepfiffen, als der Name "Müller" bei der Bekanntgabe der Mannschaften über den Platzlautsprecher dröhnte. Denn einem Mann wie Müller waren damals allerhand unüberlegte Merksprüche ("Ich will weg aus Deutschland, weil mir in München die richtigen Nebenleute fehlen") über die Schmollippen gekommen; und man verzieh es dem Münchner damals in Hamburg nicht, daß er damit auch ein bißchen die Nationalmannschaft brüskierte.

Es wurde in Hamburg noch gepfiffen, als Gerd Müller kurz nach der Halbzeitpause mit einem "typischen Müller-Abstauber" das 1:0 für seinen Club erzielte. Aber dann schoß der Münchner Müller noch zwei weitere Tore, und damit hatte er sich den Respekt der Hamburger verdient; und das, obwohl zwei dieser Müller-Treffer vom Standpunkt des Unterlegenen (der HSV verlor mit 1:4) Zweifellos zu den "dummen" Toren gehörten.

Tatsache ist, daß Gerd Müller, der "Bomber der Nation", vor allem durch jene Treffer berühmt wurde, die im Fachjargon der jeweils Unterlegenen als "Abstauber-Tore" apostrophiert worden sind.

Der große Torinstinkt des kleinen Gerd Müller war die Fähigkeit, sich immer dort einzufinden, wo eine Stiefelspitze genügen konnte, um für den Gegner eine Katastrophe einzuleiten. Wenn dieses Talent, stets im richtigen Augenblick zur Stelle zu sein, erlernbar wäre, der FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft hätten spielerisch bessere Mittelstürmer zur Verfügung gehabt. Aber dieser Tor-Appeal des dickschenkligen Müllers war eben nicht erlernbar.

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Allerdings, der Müller brauchte den Beckenbauer, das spielerische Genie, um selbst ein "Großer" zu werden. Er brauchte den "Spielmacher" in seinem Rücken, um für seine unmißverständliche Absicht, Tore zu schießen, nicht erst noch weite Wege zurücklegen zu müssen. Anders ausgedrückt: Gerd Müller brauchte einen Franz Beckenbauer noch mehr als ein Beckenbauer den Müller.

So oder so, die beiden ergänzten sich, wie sich nie zuvor im deutschen Fußball zwei Spieler der Extra-Klasse ergänzt hatten – vielleicht, daß im internationalen Fußball Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas bei Real Madrid in den fünfziger und sechziger Jahren eine ähnliche Rolle gespielt hatten. Auch Gerd Müller besaß, ähnlich wie Ferenc Puskas, die ungewöhnliche Fähigkeit, um so kaltblütiger zu wirken, je näher das Ziel, das gegnerische Tor, heranrückte. Und er unterschied sich dabei entschieden vom Typ jener Stürmer, die sich wohl bei überraschenden Fernschüssen auszuzeichnen pflegen, denen aber sofort die Nerven flattern, wenn von ihnen "frei vor dem gegnerischen Torwart" ein Treffer erwartet wird.

Gerd Müller wirkte um so nervenstärker, je näher er dem gegnerischen Tor war; und er war in der kurzen Körperdrehung um so schneller, je mehr er gestört wurde. Sobald das Zuspiel kam, und es kam meistens von der Stiefelspitze seines Kollegen Beckenbauer (Doppelpaß), erreichte Gerd Müller in seiner Wirkung auf die gegnerische Abwehr den Grad der höchsten Alarmstufe.

Beckenbauer hörte auf und ging – des Geldes wegen – nach Amerika. Gerd Müller blieb zurück: der Tormacher, der nun ohne seinen kongenialen Fußballpartner auskommen mußte. Man hätte es ihm schon damals prophezeien können: Müller ohne den Beckenbauer war viel weniger wert. Der 33jährige Ex-Nationalstürmer hatte immer häufiger die kalt-kalkulierenden Profis der Vergnügungsbranche gegen sich. Ein Denkmal bröckelte. Soll’s doch stürzen, sagte man. Nun, die berühmten Müller werden deshalb nicht hungern. Der FC Bayern würde sogar auf eine Ablösesumme verzichten, sollte es den Müller Gerd auf den Spuren eines Beckenbauers in die USA ziehen.