Düsseldorf

Nordrhein-Westfalens Lehrer stehen im Hagel der Kritik, seit publik wurde, daß einige der Versuchung erlagen, aus Mußestunden Kapital zu schlagen. Die „Mogelei der Pädagogen“, die vor einiger Zeit in der Landesmetropole ruchbar wurde, ist durch Stichproben des Düsseldorfer Landesrechnungshofes an 44 Gymnasien und acht Realschulen erhärtet worden. Danach haben sich einige Lehrer durch die Abrechnung von nicht geleisteten Überstunden (Gymnasien rund 25 Mark, Real- und Berufsschulen 21 Mark) zusätzlich zum normalen Gehalt ein „Zubrot“ von 400 Mark und mehr pro Monat verdient.

Den Düsseldorfer Rechnungsprüfern war aufgefallen, daß es Schulmeister gab, die nicht nur in den Ferien und während Krankheitstagen, sondern auch an nicht vorhandenen Kalendertagen – wie beispielsweise dem 30. Februar und dem 31. Juni – Mehrarbeits-Unterrichtsstunden in Rechnung gestellt hatten. In einer ersten Stellungnahme erklärte das nordrhein-westfälische Kultusministerium, es wolle nicht für alle Lehrer schlechte Noten ziehen. Vor allem wandte es sich gegen die Versuche, einen ganzen „Berufsstand ins kriminelle Licht zu rücken“. Bei den Abrechnungen, die nur zweimal im Jahr gemacht würden, sei ein Versehen durchaus möglich, erklärte ein Sprecher des Kultusministeriums.

Bevor gegen die „schwarzen Schafe“ unter den Lehrern an Rhein und Ruhr vorgegangen wird, hat Kultusminister Girgensohn goldene Brücken gebaut: Mit Hilfe neuer Fragebogen gab er den betroffenen Lehrern (30 000 an der Zahl), die Möglichkeit, Selbstberichtigungen vorzunehmen und die Angaben über Mehrarbeitsstunden in den letzten drei Jahren zu überprüfen. Eine Reihe von Lehrern hat davon bereits Gebrauch gemacht und zuviel kassierte Gelder – in Einzelfällen bis zu 1500 Mark – auf dem Verrechnungswege zurückerstattet.

Erzürnt zeigte sich der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes, Berufsorganisation vieler Gymnasiallehrer, über die Recherchen des Landesrechnungshofes: Die Prüfer wollten als Überstunden nur Unterrichtsstunden gelten lassen, während der Kultusminister auch unterrichtsähnliche Tätigkeiten wie Aufsicht, Bundesjugendspiele oder Prüfungen als Schulstunden anerkenne.

Mit sprachlicher Kosmetik dürfte allerdings dem Überstundenproblem im größten deutschen Bundesland kaum beizukommen sein, wenn man Zahlen sprechen läßt: Von den 1,2 Millionen Unterrichtsstunden, die im vergangenen Jahr an nordrhein-westfälischen Gymnasien erteilt wurden, waren 50 000 Überstunden. Für den Rechnungshof, der die Überprüfung 16 weiterer Gymnasien im Rheinland angeordnet hat, ist die Angelegenheit „noch nicht abgeschlossen“. Die Prüfer kritisieren, daß das Verfahren der Vergütung von Mehrarbeiten nicht einmal „entfernt ausreichend kontrolliert“ werde.

Auch FDP-Mann Reinhard Röricht, Mitglied des Rechnungsprüfungsausschusses des Nordrhein-westfälischen Landtags, hält die „Mißstände für gravierender als zunächst angenommen“. An der Lehrerfront registriert Röricht einen „Moralverfall“, bei Schulleitern und auf der Ebene der Regierungspräsidenten vermißt er die nötige Kontrolle, und der Exekutive kreidet er an, nur „auf Treu und Glauben“ gehandelt zu haben. Dem Verdacht, daß es für die Landesregierung preiswerter sei, Lehrer Überstunden machen zu lassen, als zusätzlich Pädagogen einzustellen, möchte der FDP-Politiker keine neue Nahrung geben: „Mit Ausnahme der Stadtstaaten hat Nordrhein-Westfalen in letzter Zeit mehr Lehrer als jeder andere Flächenstaat eingestellt.“