So bedeutend der Umsatz der Tranquilizer in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch war, so unbedeutend war bis vor kurzem das Wissen um die Funktionsweise dieser Psychodroge. Mehr als 100 Millionen Tranquilizerrezepte werden pro Jahr allein in den USA geschrieben, dazu Tausende von wissenschaftlichen Arbeiten über ihre angstvertreibende Wirkung – und dennoch wußte „lange Zeit kein Mensch, wie Valium wirkt“, wie der Wiener Dozent Manfred Karobath meint.

Erst in den letzten Monaten scheint sich hier ein Durchbruch anzubahnen. Vor anderthalb Jahren isolierten dänische und schweizerische Forscher im Zentralnervensystem von Ratten und Menschen Gehirnfraktionen, an denen sich die sogenannten Benzodiazepine zu binden vermögen („Benzodiazepine“ ist die chemische Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Tranquilizern, zu denen auch Diazepam-Valium gehört). Und nun beginnt sich der Schleier um das Geheimnis der Angst zu lüften: In eben diesen Fraktionen befinden sich offenbar Rezeptoren, an denen die Benzodiazepine ihre Wirkung entfalten. Da wohl nicht anzunehmen ist, daß die Natur diese Rezeptoren im Gehirn nur für die Präparate der Firma Hoffmann-La Roche bereitstellt, muß es körpereigene Stoffe mit der Funktion des Valiums geben.

Ähnlich lief es auch bei der Erforschung der Opiumwirkung. Als die Opiatrezeptoren im Gehirn entdeckt worden waren, dauerte es nicht lange, bis die Suche nach den natürlichen Stoffen, die im Körper normalerweise den Schmerz regulieren, Erfolg hatte. Seither sind die als Endorphine („endogene Morphine“) bezeichneten endogenen – „körpereigenen“ – Opiate in aller Munde. Kein Wunder, daß die Wissenschaftler nun auch die Eigenschaften der Valiumrezeptoren intensiv zu untersuchen begannen. Denn mit derselben Berechtigung, mit der Hirnforscher die endogenen Opiate postulierten, vermuteten sie jetzt im Gehirn auch den Stoff, aus dem die Ängste sind.

Die Suche ließ sich allerdings schwieriger an als bei den Endorphinen. Zunächst mußte geklärt werden, ob es sich bei den ominösen Rezeptoren um unspezifische Bindungsstellen handelt, oder ob diese den konkreten Ansatzpunkt für die-Wirkung auf die Psyche bilden. Sorgsame Messungen ergaben, daß die Vorliebe des Rezeptors für Valium recht genau dessen pharmakologischer Potenz entspricht: Die richtige Fährte war gefunden.

Bei der Suche nach dem „natürlichen“ Valium extrahierten Forscher dann aus 50 Kilogramm Rinderhirn winzige Mengen niedermolekularer Substanzen, die seither als aussichtsreiche Kandidaten für die körpereigene Angstdroge gelten. Amerikanische Wissenschaftler vermuten, daß eine dieser Substanzen eine Purinverbindung namens Hypoxanthin ist (Purine entstehen im Organismus aus den Nukleinsäuren der Zellkerne). Kürzlich entdeckten mehrere Forschergruppen eine wechselseitige Beeinflussung zwischen den Valiumrezeptoren und den Rezeptoren für den Botenstoff GABA (gamma-Aminobuttersäure), dem wichtigsten Transmitter (chemischen Übertragungsstoff) zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Eine derartige Wechselwirkung wir durch elektrophysiologische Untersuchungen von Forschern des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche vermutet worden. Weitere Untersuchungen zeigten, daß die Wirksamkeit der GABA gesteigert wird, wenn die Valiumrezeptoren besetzt sind. Offenbar können die Benzodiazepine an diese Weise besonders empfindliche GABA-Rezeptoren aktivieren, die normalerweise durch ein bestimmtes Protein besetzt sind. Über die genaue Funktionsweise dieser Modulatorsubstanz bestehen aber noch Unklarheiten. Jedenfalls kam der Valiumrezeptor auf seinen GABA-bindenden Kollegen beträchtlich einwirken. Daneben gibt es aber auch eine Beeinflussung in umgekehrter Richtung: Den GABA-Rezeptor erregende Substanzen können ihrerseits wieder den Valiumrezeptor stimulieren. Karobath: „Die zwei Rezeptoren sind wie ein Ehepaar, das sich manchmal liebt und manchmal streitet.“

Ähnlich wie bei den Endorphin-Rezeptoren fanden Wissenschaftler auch hier einen Zusammenhang zwischen dem „Ehepaar“ und einem „Ionenkanal“. In solchen Ionenkanälen wandern die elektrisch leitfähigen Atome oder Moleküle (die Ionen) durch die Membranen der Nervenzellen – ein grundlegender Vorgang bei der Nerventätigkeit. Sowohl GABA- als auch Valium-Rezeptor stehen offenbar über einen Kanal für Chlorid-Ionen miteinander in Verbindung und können ihn regulieren. Welche Bedeutung dieser Kanal für die psychische Wirkung des Valiums hat, ist noch unklar.

Ein weiteres Rätsel lösten schließlich amerikanische und dänische Forscher bei der Untersuchung speziell gezüchteter Mäusestämme, mit der sie die örtliche Zuordnung der Valiumrezeptoren im Kleinhirn klären konnten.

Nicht nur Hirnphysiologen und Pharmakologen warten gespannt auf die nächsten Forschungsergebnisse. Die weiteren Konsequenzen der Valiumrezeptoren-Enträtselung können nämlich tiefgreifende Auswirkungen haben, ist die Forschung hier doch mitten in der Psychochemie angelangt. Für den Münchner Psychiater Professor Hanns Hippius sind die Tranquilizer ein Medikamententyp, „bei dem erstmals sehr klar wird, daß bei ihrer Verschreibung die Grenzen der Heilkunde im engeren Sinn oft überschritten werden. Wenn Fortschritt und Verantwortungsbewußtsein bei der Psychodrogenforschung nicht miteinander Schritt halten, dann beschwört das Gefahren herauf, die sich zu realen Bedrohungen von Teilen der Menschheit entwickeln könnten.“ Stefan M. Gergely