Von Gregor Leschig

Das erste Mal sehe ich Robert Wilson in der Schaubühne am Halleschen Ufer. Ich bewerbe mich als Laiendarsteller für sein neues Stück „Death Destruction & Detroit“, das er zusammen mit dem Ensemble der Schaubühne in Berlin inszenieren will. Ende Mai letzten Jahres war er hier, um Schauspieler für sein Werk auszusuchen.

Bob sitzt ganz ruhig hinter einem großen Schreibtisch und beobachtet mich. Während der gesamten Vorstellung spricht er nur drei oder vier Sätze, knappe, präzise Anweisungen, was ich tun soll. Dabei macht er sich Zeichen auf ein Blatt Papier. Zuerst muß ich in fünf Minuten von einer Wand zur gegenüberliegenden gehen, ungefähr eine Strecke von sieben Metern. Dann gibt er mir einen Text zum Vorlesen, in dem ungefähr dreißigmal „Ich weiß nicht“, „Ich glaube dir nicht“ wiederholt wird. Lange schaut er mich an, als ich am Schluß auf einem Stuhl ihm direkt gegenüber sitze.

Meine Nervosität steigt. Es ist wie ein riesiges Loch, in das ich hineinfalle. Ich kenne seine Erwartungen nicht, weiß nicht, nach welchen Kriterien er urteilt. In der Anzeige, auf die hin ich mich beworben habe, stand nur: „schön, blond, unschuldig“. Das reicht jetzt nicht aus, um erahnen zu können, ob ich vor des Meisters Augen bestanden habe oder nicht.

Mitte Oktober beginnen dann die Probenarbeiten für das Stück. Der karge Raum in einem der neuen Betonklötze nahe dem Kurfürstendamm ist mit weichem Kunststoffboden ausgelegt. Die Bühne wird seitlich durch Stoffvorhänge, nach hinten durch eine Wand mit sechs Türen begrenzt. Es ist ein Proszenium-Theater, ein weißer Strich markiert deutlich den Rand der Bühne und den Beginn des Zuschauerraums. Drei Vorhänge aus weißem Nessel deuten die zahlreichen Prospekte an, die Bob dann später in der Schaubühne installieren läßt. Alle vorkommenden Requisiten, wie zum Beispiel zwei Kakteen oder zwei Felsen, sind durch eilig verfertigte Sperrholzkonstruktionen angedeutet. Gekleidet werden wir vorläufig aus dem Fundus der Schaubühne. Als erstes überrascht mich die Vielzahl und Verschiedenheit der Darsteller. Außer den vier, fest engagierten, Schaubühnenschauspielern sind wir siebzehn Laien im Alter zwischen neun und siebenundsiebzig Jahren. Bob hat sie vom Berliner Künstlerdienst vermittelt bekommen oder sie haben sich – wie ich – direkt bei der Schaubühne beworben.

Kollektivarbeit, wie ich sie an der Schaubühne erwartet hatte, findet hier nicht statt. Über Sinn und Inhalt des Stückes wird ganz selten gesprochen, meist nur in Gesprächen mit einzelnen. Wir sind hier, um mit Robert Wilson ein Stück zu produzieren. Er ist die Autorität, er unterbreitet Vorschläge, sagt, was wir tun und ausprobieren sollen. Die Atmosphäre ist ruhig und auf die Arbeit konzentriert.

LAIEN