Am ersten Tag erklärt uns Bob, warum er mit Laiendarstellern arbeitet. Wir sollen erst einmal nichts darstellen, wir sollen da sein. Als wir einmal den Tanz eines Älteren von uns beobachten, erklärt er mir, daß er stundenlang zuschauen könnte, wie der alte Mann sich ungezwungen bewegt. „Wenn ich sehe, wie er sich in sich wohl fühlt, dann kann ich als Betrachter auch anfangen, mich zu entspannen, mich wohl zu fühlen.“

Schon durch die bloße Auswahl der Mitspieler, ohne jede Regieanweisung, ohne Maske oder Kostüm, werden hier schon ungeheuer viele Typen dargestellt. Wobei „dargestellt“ eben, das falsche Wort ist, sie sind so: Originale. „Jedes Paar erzählt eine Geschichte“, sagt er, als wir (in der 3. Szene) paarweise über die Bühne laufen sollen. „Zwei junge Männer können Freunde sein, die gerade vom Tennis kommen, ein Paar mit Kind sind vielleicht Großeltern mit ihrem Enkel. Die Phantasie ist unendlich.“

Unsere Verschiedenheit wird mir später noch einmal bewußt, als wir alle, schwarz gekleidet, eine Person beim Tanzen imitieren sollen. Trotz oder wegen der Gleichheit von Bewegung und Kleidung wird jetzt die Individualität erst richtig deutlich. Manchmal sitzen wir lange am Rand der Bühne und schauen einem von uns beim Tanzen zu, beobachten seine spezifischen Bewegungen, bevor wir aufstehen und versuchen, ihn nachzumachen. Ich muß staunen über den Einfallsreichtum gerade der älteren Leute, wenn sie sich unbeschwert auf der Bühne bewegen können. Häufig tanzt Bob mit, was ihn aus der Rolle des Beobachters heraushebt und uns die Möglichkeit gibt, uns noch ungezwungener zu bewegen. Aber auch, als einer von uns einmal die Bühne in einer Minute, überquert und nicht, wie er sollte, in sechs, habe ich nicht das Empfinden, daß er etwas falsch macht, die Kriterien sind hier andere als „richtig“ und „falsch“.

KÖRPER

„... als ob man vorbeiziehende Wolken beobachtet“. Die Worte, die Bob während der Proben am häufigsten gebraucht, sind: „very easy“, „don’t force it“ und „slow“, manchmal richtiggehend als Befehl gerufen. Fast vor jeder Probe stellen wir uns in einem großen Kreis auf und machen leichte Gymnastik und Entspannungsübungen. Dazu läuft die Musik, die später auch das Stück begleitet. Klassisch komponierte Musik von Alan Loyd oder die Klavierkonzerte von Keith Jarrett. Die Bewegungen, die Bob vorschlägt, dienen mehr der Bewußtmachung einzelner Körperteile als einem Training. Dazu gehören eine leichte Massage der Gesichts- und Handmuskeln, leichte Bewegungen mit dem Hals, dem Brustkorb, Becken, Beinen. Danach legen wir uns auf den Boden und atmen tief und gleichmäßig. Während eines Atemzugs „gehen“ wir durch unseren gesamten Körper, von den Zehenspitzen bis hinauf zu den Haarwurzeln. Jeder Teil des Körpers soll bewußt werden, damit wir herausfinden, wo Verspannungen sitzen, wo wir geblockt sind. Alle unsere Energie sollen wir auf einer Linie im Körper konzentrieren.

Eine Übung, die wir machen, ist es, unsere aufwärts gestreckten Arme in zwei Minuten zu senken. Eine andere, in drei Minuten aufzustehen. Mir wird bewußt, wieviel unterschiedliche Bewegungen notwendig sind, um meinen Körper aus der Rückenlage in den Stand zu bringen, und wie oft ich dabei den Schwerpunkt verlagere. Als ich schließlich stehe, sind beide Gefühle gleichzeitig da – stehen und liegen.

Wichtig ist Bob die Deutlichkeit winziger, ganz langsamer Bewegungen. „Make a movement nearly to nothing“ ist ein von ihm häufig gebrauchter Satz, wenn wir zu der Musik winzige, kaum wahrnehmbare Tänze machen. Oder, wenn wir eine Strecke von wenigen Metern in einigen Minuten zurücklegen sollen: „The movement next to no movement.“