Ganz am Anfang der Probenarbeiten sind die Dialoge noch nicht verteilt. Wichtiger ist Bob, daß wir unsere Positionen ablaufen und dazu rhythmische Laute machen wie "dadadada..." und "didididi...". Nach einem bestimmten Empfinden setzt er nachher die Szene zusammen, sagt, wo wir anhalten, oder wann wir weitergehen sollen. Dann legt er den Kopf leicht schief, stützt sich auf eine Hand und murmelt vor sich hin: "A comes out, goes dadadada, then comes B, dadadada, stop!" Er verändert unsere Stellungen oder die Zeit der Auftritte, bis es für ihn schlüssig erscheint. Fast jede Woche ist ein kompletter Durchlauf mit allen Szenen, in den er nicht eingreift und nur Notizen macht. Zuweilen habe ich die Empfindung von Marionetten: An unsichtbaren Fäden bewegen wir uns auf vorausberechneten Bahnen, deren Bedeutung im ästhetischen Empfinden des Meisters liegt.

PUBLIKUM

Bei einigen seiner Ideen muß Bob dann Kompromisse machen. Er hat die Vorstellung eines Totaltheaters, das 24 Stunden dauert, in das die Leute kommen können wie in einen Park. Ein Theater, das sie verlassen, wann sie Lust haben, ohne die Angst, etwas zu versäumen. Mit anderen Stücken, die er zum Beispiel in Paris oder im Iran inszeniert hat, ist er dieser Vision schon viel näher gekommen.

Als das Stück schließlich fertig ist, dauert es ungefähr acht Stunden, die ersten Voraufführungen enden um zwei Uhr nachts. Die letzte U-Bahn, die um halb eins fährt und für das Publikum noch erreichbar sein muß, zwingt Bob, das gesamte Stück auf fünfeinhalb Stunden zu kürzen. So findet die Idee des Totaltheaters ihre Grenzen durch den Zwang, zwischen Arbeitsschluß und letzter U-Bahn Kultur anzubieten.

Den Zuschauerraum der Schaubühne hätte Bob gern mit Matratzen und Kissen ausgelegt. Das Publikum könnte sich viel freier bewegen, als das jetzt mit der normalen Theaterbestuhlung möglich ist. "Ich möchte, daß die Leute hierherkommen, sich einfach hinsetzen, entspannen, sich in sich wohl fühlen und vielleicht anfangen, nachzudenken. Über sich, über ihre Umwelt..."

LICHT

Wilsons Theater wird "Theater der Visionen" genannt, auch wegen des unglaublich vielfältigen und perfekten Einsatzes von Licht. Einzelne Bewegungen und Gesten, wie zum Beispiel eine Hand, die einen Stiel hält, oder unsere expressionistisch geschminkten Gesichter werden durch das Licht demonstrativ betont. Die Prospekte bekommen durch die Beleuchtung eine dritte Dimension, der Bühnenraum öffnet sich nach hinten. Als der Etat der Schaubühne erschöpft ist, kauft Bob auf eigene Kosten eine überdimensionale Glühbirne, die er für die 10. Szene unbedingt benötigt.