Von Helmut Schneider

Die Kunst von Max Ernst definiert sich durch sich selbst. Keiner Doktrin verpflichtet, entwischt sie immer wieder der Etikettierung, die Übereinstimmung mit Dada und Surrealismus erweist sich als Pseudomorphose. Max Ernst ist selten dort anzutreffen, wo man ihn vermutet, vorwärtsgetrieben von unersättlicher Neugierde, machte er stets andere Entdeckungen. Ausgestattet mit dem wachen Bewußtsein eines Künstlers, der auf Bewegungen innerhalb der Avantgarde sensibel reagiert, blieber letztlich doch am Rande aller Ismen.

Max Ernst war einer der großen Selbstbeweger in der Kunst unseres Jahrhunderts, der sich nicht im stetigen Fortschreiten, sondern durch überraschende Sprünge verwirklichte. Darin gründet die Identität seines Schaffens. Die Kunst von Max Ernst ist ein Triumph der konsequenten Inkonsequenz. Ein Triumph, der allerdings auch seine Schattenseite hat – die ebenfalls konsequente Ausbeutung der durch solche Sprünge erhaltenen Innovation, die das einmal Neue in ständig Gleiches verwandelte. Beides wird deutlich in der umfangreichen Retrospektive des Gesamtwerkes in München, die auf zwei Institutionen verteilt ist: Im Haus der Kunst der ganze Max Ernst, Collagen, Frottagen, Gemälde, Plastiken; in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus noch einmal Collagen und Frottagen (diesmal aber ausführlicher), Zeichnungen, Graphik und Bücher.

Werner Spies hat die Ausstellung im Haus der Kunst zusammengestellt, die anschließend noch in der Nationalgalerie Berlin zu sehen sein wird, er war auch an der Vorbereitung der anderen, vorher schon in Zürich und Frankfurt gezeigten beteiligt. Die Kataloge beider; Ausstellungen profitieren von der genauen Werkkenntnis des Herausgebers des CEuvre-Katalogs, für beide hat er fundierte Texte geschrieben (in dem der eigentlichen Retrospektive sind weitere Beiträge von Thomas W. Gaethgens, Eduard Trier und Günter Metken enthalten, dazu eine Autobiographie des Künstlers).

Der Affront der Phantasie