/ Von Carl-Christian Kaiser

Berlin, Ende Februar

Wäre er nicht leibhaftig und zum Anfassen, müßte man wohl an eine Selbsttäuschung glauben: In einem Hinterzimmer sitzt Richard von Weizsäcker und setzt sich mit der Frage auseinander, warum bei einer Rentenerhöhung andere Beihilfen verringert werden. Die Luft ist zum Schneiden, das Licht düster, weil es aus folkloristisch verhängten Lampen kommt, die offenkundig das Ambiente bewirken sollen, das der Name des Lokals verspricht: „La casa di Campagna“. Aus seinem Käfig beäugt ein Papagei mißtrauisch die Szene.

Aber draußen ist nicht Italien, sondern das tiefste Neukölln. Gleich um die Ecke erstreckt sich die Mauer. Richard von Weizsäcker argumentiert nicht auf einem internationalen Podium, sondern vor Rentnern, Arbeitern, kleinen Angestellten und Gewerbetreibenden, vor Stimmbürgern des Wahlbezirks, in dem er für das Berliner Abgeordnetenhaus kandidiert. Rund 30 Leute hocken dichtgedrängt um ihn herum. Daß viele von ihnen zu Hause noch Ofenheizung und das Klo auf dem Treppenabsatz haben, kann man sich ohne weiteres vorstellen.

Von der „großen“ Politik ist kaum die Rede, allenfalls davon, warum statt der neuen Autobahn nach Hamburg nicht die Verbindung zwischen Berlin und Helmstedt dreispurig ausgebaut wird. Sonst aber geht es, abgesehen von den Renten, um Arbeitslosigkeit, um die schwierige Lage des Handwerks oder des Mittelstands überhaupt und um das zur Kardinalfrage aufgerückte Thema, warum sich die Stadtreinigung so schwergetan hat, die Schneemassen in den Straßen beiseite zu räumen. Das wird dem öffentlichen Dienst unter dem sozial-liberalen Senat überall dick auf die Minusseite geschrieben.

Die Stimmung im Hinterzimmer ist freundlichaufmerksam, auch bei jenen Fragestellern, die offenbar keine CDU-Anhänger sind. Daß der Freiherr schon vermöge seiner äußeren Erscheinung von seinem Publikum absticht, spielt keine Rolle, qbwohl der Kontrast überdeutlich ist: die hagere Gestalt mit dem weißen Haarschopf inmitten kleinbürgerlicher Korpulenz oder das gute Tuch seiner Anzüge, auf die dezente englische Art etwas abgetragen, im Gegensatz zu den Joppen und Parkas. Richard von Weizsäcker sitzt gelassen unter seinen Zuhörern. Wie angespannt er dennoch, ist, merkt man nur daran, daß er den Bierfilz unter seinem Glas Mineralwasser zerknüllt.

Wahlkampf im Hinterzimmer