Warum es auf der Venus so heiß ist

Von Horst Rademacher

Auf der Venus wären alle Zeitungen „rote Blätter“. Auch das Bild von Lenin, das die sowjetische Sonde Venera-11 zu Weihnachten auf dem Nachbarplaneten absetzte, ist in tiefes Rot getaucht. Venusisehe Betrachter, falls es sie gäbe, sähen überdies einen stark verzerrten Lenin.

Rotfärbung und Verzerrung haben freilich keine politischen, sondern physikalische Ursachen. Die rote Farbe entsteht wie das Abendrot auf der Erde: Das Sonnenlicht wird an Luftmolekülen in den roten Spektralbereich gestreut. Die verzerrte Sicht hängt mit der ungeheuren Dichte der unteren Venusatmosphäre zusammen, die Lichtstrahlen aus verschiedenen Höhen unterschiedlich stark bricht. Ein Lesevergnügen, wäre es möglich, würde ohnehin nicht lang währen: Durch die Temperatur von fast 500 Grad Celsius gingen sämtliche roten Blätter kurzerhand in Flammen auf.

Wie es zu diesen hohen Temperaturen auf dem Grund des schwefelhaltigen Luftmeeres der Venus kommt, hat die amerikanische Pioneer-Venus-Mission wohl endgültig klären können. Im Dezember erlebte der Nachbarplanet einen Großangriff irdischer Raumsonden. Sechs amerikanische und vier sowjetische Sonden sandten Millionen von Daten zur Erde (und ein US-Raumschiff sendet immer noch). Die amerikanischen Pioneer-Venus-Forscher hatten sich die Lufthülle des Planeten vorgenommen. Mit 32 verschiedenen Experimenten, verteilt auf sechs Sonden, versuchten Wissenschaftler den Umweltbedingungen der Nachbarwelt auf die Spur zu kommen. –

Vor 13 Jahren begann die Entschleierung der Venus mit ferngesteuerten Raumrobotern. Am 1. März 1966 trat die sowjetische Sonde Venera-3 als erstes von Menschenhand geschaffenes Objekt in die Lufthülle des Abendsterns ein – und wurde schon nach wenigen Minuten zermalmt. Ein Druck von mehreren Atmosphären zerquetschte den fragilen Raumkörper. Seit dieser Zeit arbeiten sowjetische Wissenschaftler an der Entwicklung widerstandsfähigerer Sonden. 1970 gelang die erste weiche Landung auf der Venusoberfläche: Venera-7 funkte 23 Minuten lang Daten. Im Oktober 1975 schossen Venera-9 und -10 die ersten Photos: Sie zeigten eine Gesteinswüste. Gesteinsuntersuchungen, 1972 von Venera-8 vorgenommen, deuteten auf einen vulkanischen Abendstern. (Radarmessungen der um den Planeten kreisenden amerikanischen Pioneer-Venus-Sonde enthüllten eine riesige, mehrere Kilometer tiefe und mindestens 1500 Kilometer lange Schlucht in der Venuskruste – eine Entdeckung, die als Hinweis auf jenen Plattentektonik genannten geophysikalischen Prozeß gewertet wird, der auf der Erde für die Kontinentalverschiebung verantwortlich ist.)

Unten zu heiß, oben zu kalt