Von Christel Szymanski

Hildegard Rosenbaum steht sich gut mit allen Prostituierten im Saarbrücker Altstadtmilieu; Strafentlassenen hilft sie beim schwierigen Start in ein besseres Leben, und wer gestrauchelt, verzweifelt, am Ende seiner Kräfte ist, findet Zuflucht in ihrer Wohnung, deren Einrichtung von Wohlstand zeugt. Hildegard Rosenbaum, Frau eines Akademischen Rats und Mutter von zwei Kindern, die keine Arbeit mehr machen, tut dies alles ehrenamtlich. Sie setzt ihre Kraft ein, um Menschen zu helfen, die sich selbst als Randfiguren der Gesellschaft empfinden.

„Lambarene in der Großstadt“ nennt sie ihr Engagement, und daß sie durchhält, auch Rückschläge einsteckt, hat vielen Menschen schon zu einem neuen Leben verholfen, wie zum Beispiel einer jungen Frau namens Inge, die jetzt, „nach 20 Jahren hartem Kiez“, einen Beruf erlernt. „Man muß sie in den Arm nehmen, egal ob Mann oder Frau, sie spüren lassen, daß es Menschen gibt, die helfen“, sagt Hildegard Rosenbaum, einfach helfen, ohne feste Stelle irgendwo mit Gehalt, nur so kann man es schaffen. „Was soll ich an einem Schreibtisch? Berichte schreiben? Die Arbeit mit den Menschen allein zählt.“ Das klingt einfach, doch es dauert Jahre und bedeutet harte Knochenarbeit, bis man Erfolge sieht. Elf Frauen hat sie vom Strich geholt und in ein Leben zurückgeführt, das die meisten irgendwann und oft nicht freiwillig verlassen haben.

Wie zur Bestätigung klopft es ans Fenster des schön renovierten Altstadthauses, in dessen große Wohnküche jeder hineinsehen kann. Rosi kommt. „Rosi war 14 Jahre auf dem Strich.“ Man sieht’s, denke ich, verlebte Augen unter platinblondem Haar, kratzige Stimme. „Ich habe die Briefe eingeworfen, wie du gesagt hast“, sagt sie in jenem Schülerton, der der Lehrerin etwas Nettes sagen will. So ähnlich ist auch das Verhältnis, denn ohne Führung hätte Rosi nie zurück in ein bürgerliches Leben gefunden.

„Wenn zu mir eine kommt und sagt, ich will runter vom Strich, dann höre ich erst mal gar nicht hin und sage, sie soll in sechs Wochen wiederkommen.“ Kommt sie, dann meint sie es ernst. Sie kann auf Hildegard Rosenbaums Hilfe bauen. Gemeinsam werden die Schulden sortiert, denn die haben fast alle, auch Spitzenverdienerinnen. „Sie können doch keine Zahlkarte ausfüllen oder ein Konto eröffnen, dafür müßten sie unter andere als die gewohnten Leute, und dafür ist die Schwellenangst zu groß.“ Sicher fühlen sie sich nur in ihrer Straße. Und wie soll man etwa Unterhalt zahlen, wenn man keine Überweisung schreiben kann? Frau Rosenbaum handelt Ratenzahlungen mit den Behörden aus, mit denen sie sich längst bestens steht, und kassiert persönlich. Täglich. Sie kennt die Ecken, wo sie stehen, die Seitenstraßen, sie findet alle, hält die Hand auf – und der Schuldenberg wird allmählich kleiner. Auf dem Sims über dem Kamin stehen hübsche Keramiktöpfe, für jede einen, als Sparbüchse für ein neues Leben.

Sind die Schulden bezahlt, kommt der nächste Schritt: Die Suche nach dem Beruf. Hildegard Rosenbaum findet immer etwas, in langen Gesprächen auf Arbeitsämtern, mit Bekannten und Freunden. Sie läßt sich Zeit. Sie fand Lehrstellen in verschiedenen Branchen, und sie hat schon Familien wieder zusammengeführt – wie die von Mathilde, Prostituierte mit 20jähriger Praxis. Es war schwer, den Mann zum Arbeiten zu bringen, doch beim dritten Versuch hat es geklappt. Mathilde hat in der Zeit kochen gelernt, einkaufen, haushalten. Das gehört zum Rezept des Erfolges um anderer Menschen willen: Frau Rosenbaum nimmt sie an der Hand, geht mit ihnen unter Leute, lehrt sie, die Scheu zu verlieren. Sie predigt nicht Ordnung und Sauberkeit, sie krempelt die Ärmel hoch, sagt „Mensch, wie sieht’s denn hier aus“, und putzt mit. Bei Mathilde war das erfolgreich, und das Jugendamt hat ihr jetzt ihre Kinder aus dem Heim Zurückgegeben.

Ein anderes Beispiel ist Henri. Er ist das älteste von 14 Kindern, Mutter Prostituierte, Vater Alkoholiker, mit 14 zum erstenmal im Gefängnis – elf seiner 33 Jahre hat er im Knast verbracht. Jugendamt, Polizei, Jugendamt, Polizei, so war sein Leben – „für so verkommene Typen wie mich gibt es sonst nichts“, faßt er seinen Haß, seine Wut, alle Bitterkeit denen gegenüber zusammen, die alles haben, „wovon man nur träumen kann“: Familie, Wohnung, Auto, Ordnung. Daher war er auch skeptisch gegenüber Hildegard Rosenbaum – wie übrigens das gesamte Milieu –, gegenüber „so einer Tante aus der first class, die plötzlich auf sozial macht, weil es ‚in‘ ist“. Das war vor vier Jahren, als sie mit ihrer Arbeit, die sie „Brennpunktarbeit“ nennt, anfing. Doch als man sie brauchte, als sie einfach da war und half bei Polizei und Behörden, schon einfach, weil sie reden kann, hat man verstanden, was dieser „Engel von Frau“ leistet. „Denn“, sagt Henri, „was sind wir denn? Nach außen erwachsen, aber im Grunde doch Kinder.“ Und so sieht es Frau Rosenbaum: „Sie sprechen eine eigene Sprache, sie können sich nicht ausdrücken, verstehen uns nicht.“