Der Triumph des Theaters über die Schwerkraft

Von Benjamin Henrichs

Vielerlei Getier hat in den letzten Jahren das Theater bevölkert: In Grübers Pariser "Faust" flog eine weiße Taube durchs hohe Kirchenschiff, in seinen Berliner "Bakchen" liebkosten einander zwei Pferde. Pferde verschönten das Bremer Hans-Henny-Jahnn-Spektakel ("Die Krönung Richards III."), bellende Bluthunde Hans Neuenfels’ "Medea". Zu Jérôme Savarys Grand Magic Circus gehört das lebendige Huhn im Orchestergraben genauso wie die grotesk ausgestopften Tiere auf der Bühne, die "animaux tristes". Die Tiere sind, neben der in letzter Zeit exzessiv benutzten Regenmaschine, zum beliebtesten Reizmittel der fortgeschrittenen Theaterästhetik geworden.

Doch noch keiner hat so viele Tiere vorgeführt wie jetzt der Amerikaner Robert Wilson, als er an der Berliner Schaubühne sein Stück "Death Destruction & Detroit" inszenierte. Tiere, die es nicht mehr oder noch nicht gibt: Da fliegen seltsame kleine Drachen durch die roten Dämpfe eines Mondkraters, da bewegt sich ein quallenartiges Riesentier über den Mondboden, gibt heisere Piepslaute von sich, und auf einmal leuchtet es, von Lämpchen in seinem Inneren illuminiert, magisch auf. Und zweimal kommen die Saurier: ein riesiger grüner und ein kleiner mit rotem Panzer und Nashornschädel. Ganz langsam, mit winzigen Rückwärtsschritten, läuft der kleine Dinosaurier vor dem großen davon. Zwei Fabeltiere tanzen. Oder liefern sich einen tödlichen Zweikampf. Für jede Szene in Robert Wilsons Theater gibt es mindestens zwei Erklärungen, eine tröstliche und eine unheimliche. Und wie der Titel des Spektakels ("Death Destruction & Detroit") an die Endzeit denken läßt, an Apokalypse und Sintflut, so die Tiere an die rettende Arche. Gewiß, die Welt geht unter; doch in Wilsons Theater, dem langsamsten der Welt, kommt sie fast noch einmal zum Stillstand.

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Man könnte das fünfeinhalb Stunden lange, scheinbar so monströse und unzugängliche Berliner Schauspiel versuchsweise ganz naiv erleben und nacherzählen: als ein Stück Zauber- und Märchentheater. Die Dinosaurier sind nicht die einzigen Wunder: Es gibt ein Wagenrennen in der Wüste und eine Westernszene vor mexikanischen Kakteen. Ein Fallschirmspringer schwebt zur Erde, Zeitungen fliegen, von Schnüren gezogen, zum Himmel, Lastsäcke bewegen sich geisterhaft, ohne daß sie ein Mensch berührt, über den Boden. Requisiten sind in Wilsons Theater nicht einfach Requisiten, sondern magische Gegenstände. Licht ist nicht einfach Beleuchtung, ist vielmehr Mystifikation – verglichen mit Wilsons Licht- und Schattenspielen ist selbst des deutschen Theaters fanatischster Beleuchtungskünstler, Erich Wonder, ein Puritaner. Wilsons Texte sind keine Theaterdialoge, sondern unendliche Reihen und Litaneien, Rätsel und Zaubersprüche. Und auch die um wenige Motive endlos kreisende Musik und die Geräusche sind weniger ästhetische als hypnotische Mittel: als wolle Wilson den Zuschauer in jenen Halbschlaf, jene Trance versetzen, wo die Gedanken zerbröckeln, die Bilder mächtig werden. Wenn sich Tag und Schlaf vermischen, hat die Phantasie ihre Stunde. Vielleicht deshalb liest man Kindern Märchen zum Einschlafen vor – und nicht zum Frühstück.

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