In Bayern, wo der Himmel immer so schön weißblau ist, wo die Menschen fröhlich, fromm und arbeitsam sind und die Politiker schwarz, da ist die Welt noch in Ordnung. Und sie soll es bleiben. Wofür im Augenblick vor allem die CSU-Kulturpolitiker sorgen: vom kleinsten Münchener Stadtrat, der zur Schärfung seines angeborenen Kunstverstands Freikarten im Theater erhält, bis hin zum Politologie-Professor Maier, der als Kultusminister stets besonders wachsam sein muß, damit die Kunst nicht noch zur Schweinerei abgleitet.

Da ist beispielsweise das Aufklärungs-Theaterstück „Was heißt hier Liebe?“. Die Hamburger Sexualpädagogen Koch und Müller bezeichnen es als „hervorragenden Beitrag zur und wertvolle Ergänzung für die Sexualerziehung in der Familie und in der Schule“, und die Filmfassung dürfen sogar Jugendliche ab 12 Jahren sehen, das Theaterstück wird von der „Aktion Jugendschutz in Bayern“ unterstützt. Aber Bayerns Schüler dürfen das Schauspiel, das eigens für sie vormittags im Münchener Theater der Jugend auf den Spielplan gesetzt wurde, nicht anschauen. Vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten ist die Bühnenaufklärung für Bayerns Schulen tabu, denn die sollen laut Verfassung „Herz und Charakter“ bilden sowie „Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne vermitteln“. Die Liebe, um die es im Theaterstück geht, gehört wohl im Freistaat Bayern nicht dazu.

Was dann? Seit gut einem Jahr, seit die CSU in München regiert und sich im Freistaat andeutete, was inzwischen wahr wurde (Strauß ist wirklich Ministerpräsident), driftet Bayerns Kulturpolitik nach rechts ab. Es begann in München mit der Kampagne, die die eben an die Macht gelangte Stadt-CSU letzten Frühsommer gegen André Hellers „Calafatti“-Projekt entfachte. Da wurde nicht etwa argumentiert, der Wiener Vielzweckkünstler plane schlichtweg dummes Zeug – was womöglich aus CSU-Sicht bewiesen werden konnte –, nein, Heller wurde als „Steuerhinterzieher“ und Geldschneider hingestellt.

Um nicht stets als Zensor zu gelten, läutete die CSU vor einigen Monaten eine neue Phase ihrer Kultuspolitik ein: Sie wurde selbst kreativ, in ihrem Sinne, versteht sich, was ja das gute Recht einer Mehrheit ist. Die Staatsregierung stiftete einen bayerischen Filmpreis und stockte ihre Zuschüsse (samt Steuererleichterungen) für den Film auf über 11 Millionen Mark auf, woraufhin sich Münchens CSU an die Filmtradition der Stadt erinnerte und flugs ein Filmfestival mit Verkaufsmesse gebar. Denen steht nun nicht etwa ein anerkannter Kinospezialist vor, sondern der Chef der Modewoche, womit wohl auch die Prioritäten gesetzt sind.

Auf höchster Ebene sorgte Kultusminister Hans Maier für Bewegung, als er Ende. letzten Jahres an der einst renommierten Münchener Kunstakademie den Kultus-Studiendirektor Bernhard Weißhaar zum ordentlichen Professor für Malerei und Graphik ernannte. Präsidium und Senat der Akademie traten ob der einsamen Ministerentscheidung geschlossen zurück, weil es ihrer Ansicht nach dem Kirchenfenstermaler Weißhaar an „künstlerischer Qualifikation“ für seine neue Tätigkeit mangelt.

Während Maier sich letzte Woche noch gegen Angriffe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verteidigte, seine Kultusbeamten betrieben bei der Besetzung von Lehrerplanstellen eine „Auslese der Angepaßten“ und hielten die äußere Erscheinung samt Krawatte für genauso wichtig wie Wissen und Können, gingen in der Stadt München die Kulturrivalen wieder in den Clinch. In einem umfangreichen Stadtrats-Antrag formulierte die CSU ihre Gegenposition zu dem noch aus der SPD-Ära übernommenen städtischen Kulturreferenten Jürgen Kolbe, dessen Positionspapier zur Kunstförderung in München die Mehrheit als „Ansatz für eine realistische Zustandsbeschreibung der augenblicklichen Situation der bildenden Künste“ verwarf.

Die „Moderne“ bei Kolbe ist der CSU besonders suspekt, weshalb sie lieber eine „Triennale“ der bildenden Künsteeinrichten und 40 Atelierwohnungen für Künstler fördern will. „Die Kulturpolitik der Landeshauptstadt ist geprägt von einer großen Liberalität, bei der neue Entwicklungen jederzeit möglich sind“, drohte auch Oberbürgermeister Erich Kiesl, hinter dessen „gönnerhafter Fassade“ die Süddeutsche Zeitung jedoch „ein Gespenst“ ortete: „das der künstlerischen Bevormundung und der ideologischen Planierung“.

Rolf Henkel