Von Horst Bieber

Ob der pensionierte Oberst Federico Davidson wirklich zu den sieben Personen gehörte, die im Jahre 1934 den legendären’ Nationalhelden Nicaraguas, Augusto Sandino, heimtückisch in der Hauptstadt Managua ermordeten, ist zweifelhaft. Aber Sandinos junge Erben, der "Frente Sandinista de Liberation National", waren davon überzeugt. In der vorigen Woche erschossen die Sandinistas den Obersten, seinen Sohn und zwei Begleiter – vier Opfer in einem seit 14 Monaten währenden Bürgerkrieg, der laut offizieller Statistik täglich fünf Menschenleben fordert, in Wahrheit wohl die dreifache Zahl. Es ist in der Tat ein "Krieg gegen Bürger": ein Krieg des Präsidenten Anastasio Somoza Debayle, Jahrgang 1925, seines elfköpfigen Familienclans, von Teilen derregierenden Nationalliberalen Partei und der 11 000 Mann der Nationalgarde gegen den Rest der 2,3 Millionen Einwohner.

Beide Seiten schenken sich nichts. "Sei ein Patriot und töte einen Nationalgardisten", skandieren die Sandinisten. Mit dem Schlachtruf "Kill, kill, kill" stürzt sich die Garde auf Gegner und Zivilisten und brüllt dazu! "Hoch die Garde, zum Teufel mit dem Volk."

Die Garde hat mehr und bessere Waffen und weniger Skrupel. Vergangenen September bombardierte "Somozas SS" ganze Städte, schoß auf Flüchtlingstrecks, schlug Kleinkinder den Schädel ein und vergewaltigte anschließend die Mütter, die – wenn sie Glück hatten – dann nicht umgebracht wurden. Gegen diese Sadisten hatten die Sandinisten keine Chance, Sie gingen "in die Berge" wie seinerzeit Castros Gefolgsleute, und Anastasio Somoza hockt seitdem in seinem schwer bewachten Bunker, entspannt sich bei klassischer Musik und erklärt über Fernsehen: "Ich bin der letzte Damm gegen den Kommunismus."

Wenn er so weitermacht, behält er vielleicht sogar Recht, schafft er aus Furcht vor Fidels Freunden ein zweites Kuba. Sein Schwager Sacasa, seit 35 Jahren Botschafter und Doyen des diplomatischen Korps in Washington, geht jedenfalls mit diesem Argument hausieren und findet offene Ohren nicht nur bei den amerikanischen Investoren, sondern auch bei rechten Senatoren und Abgeordneten, die nicht einsehen wollen, daß für die Vereinigten Staaten mehr auf dem Spiele steht als Kapital und Dividende.

Bis zum Oktober 1977 durften sie dieser Meinung sein. Seit über 40 Jahren herrschte damals der Somoza-Clan uneingeschränkt: Allein- oder Hauptaktionär von 117 "nationalen" Firmen, beteiligt an einer unbekannten Zahl nordamerikanischer Unternehmen, Eigentümer von 46 Kaffeeplantagen, 82 Gütern, einem Fünftel des bebaubaren Bodens, ein Wirtschaftskrake im "Somoza-Land", des Washingtoner Wohlwollens uneingeschränkt sicher (erst recht, als die Panamakanal-Verhandlungen begannen; in Nicaragua könnte ein zweiter Kanal gebaut werden). "Demokratie heißt, daß jeder sagen kann, was er will, wenn er nur so denkt wie ich", legte Somoza fest. Mord, Folter, Korruption und erbarmungslose Ausbeutung gehörten zum Alltag. Immerhin war Nicaragua eine "Bananenrepublik", und das Wort beschreibt ja auch eine bestimmte soziale Wirklichkeit.

Dann eröffnete Jimmy Carter seinen Menschenrechts-Feldzug. Die heillos zersplitterte Opposition nahm seine Forderungen wörtlich und schloß sich im Oktober 1977 zusammen. Im Januar darauf beging ein unbekannter Somozist, wahrscheinlich Sohn Anastasio ("Tachito"), einen Fehler und ließ den Sprecher der Opposition, den Verleger Pedro Joaquín Chamorro, auf offener Straße ermorden. Das war mehr als ein Fehler, das war eine grandiose Dummheit; denn nun brach der Aufstand aller los, von den Gewerkschaften über die Parteien bis zu den Arbeitgebern. Die "Breite Oppositionsfront" trat zum Entscheidungskampf an – und verlor ihn in drei blutigen Septemberwochen. Somoza pokerte hoch und gewann, zwar um den Preis totaler Isolierung, aber stark genug, alle Vermittlungsversuche des Auslands abzuwehren.