Woman Chief: das ist nicht etwa mit „Frau des Häuptlings“ zu übersetzen. Es bedeutet: Der Häuptling ist eine Frau. Und diesen Häuptling hat es gegeben. Dem Tagebuch des Pelzhändlers Edwirig Thompson Denig hat die Autorin die authentischen Informationen für ihre Erzählung entnommen. Diese Indianergeschichte ist realistisch, bedrückend und hoffnungsfern wie jene Zeit des Abgesangs auf die Indianer.

Gewiß werden vor allem die Mädchen sich zu identifizieren versuchen mit der jungen Indianerin „Einsamer Stern“, die zum Häuptling „Woman Chief wird. Aber vor Mißverständnissen sei gewarnt. Dies ist weder ein „emanzipatorisches“ Buch noch eine idyllisch-exotische Rührgeschichte. Woman Chief, von den nomadisierenden Krähen-Indianern geraubt und aufgezogen, wird Häuptling, weil sie besser kämpft und jagt als die anderen. Sie kleidet sich wie eine Frau, sie empfindet wie eine Frau (aber keiner der Männer nähert sich ihr, weil man ihre Kraft und ihre Eigenständigkeit fürchtet). Später nimmt sie „Kleine Feder“ als Squaw zu sich, heiratet sogar noch drei weitere Frauen, weil der Besitz von Pferden und Frauen Ansehen bedeutet. Sie selbst aber ist ganz und gar Krieger und Jäger: sie stiehlt Pferde, skalpiert, tötet. So war das Leben der Indianer in den Great Plains. Ein Buch voll Zärtlichkeit, Grausamkeit und Tristesse.

Ein paar Übersetzungsschwäcien („Der Häuptling hatte alles im Griff.“) stören, zerstören aber nicht diese aufregende Erzählung, die absolut nicht mit den überzuckerten Indianer-Storys von Karl May und seinen Nachempfindern gemein hat.

Rose Sobol: „Woman Chief – Es gab eine Frau, die Häuptling war!“, übersetzt von Barbara Veit; Verlag Sauerländer, Frankfurt; 104 S., 14,80 DM,

Jo Pestum