In meinem siebenten Lebensjahr verreiste ich mit meiner Mutter, es war das einzige Mal, daß ich mit ihr allein verreiste, ich hatte eines Tages einen unbestimmten Schmerz verspürt und begann zu hinken, der Hausarzt sprach von der Möglichkeit einer Hüfttuberkulose, es sei nur ein Verdacht, aber er riet zum Sanatorium des Professors Weidner in Loschwitz bei Dresden. Ein glorreicher Sommer wölbte sich über dem Haus, in dem wir ein Appartement mit einer großen Veranda bewohnten. Mehrere Ärzte unter der Leitung des Professors untersuchten mich eingehend, ich wurde geröntgt, nein, es gäbe keinen Grund zur Aufregung, man werde sehen, und es würde schon werden. Meine Mutter ging viel aus, sie traf sich in Dresden mit Bekannten, die aus Berlin kamen oder aus dem Ausland, aber zum Mittagessen war sie wieder bei mir. Junge elegante Männer erschienen zu kurzen Besuchen, sie sprachen höflich mit meiner Mutter und werbend mit mir und verabschiedeten sich bald, jeden Morgen brachte das Mädchen ein Tablett mit ein paar Visitenkarten, meine Mutter las sie und lachte übermütig, und unsere Zimmer füllten sich mit Blumen, man brachte sie in ganzen Körben, man merkte kaum, wie sie welkten, denn neue traten an ihre Stelle. Einmal kam mein Vater, er küßte mich und fragte nach meinem Befinden, er scherzte mit meiner Mutter über die Blumen und die jungen Männer, aber es hielt ihn nicht lange, er konnte hier nicht Klavier spielen, und in Berlin erwartete ihn, wie er sagte, ein Herr Bleichröder zu einer Unterredung. Er hatte unseren Kutscher Heinrich mitgebracht samt der schwarzen Equipage und den Kutschpferden, damit meine Matter ausfahren konnte.

Zum Abendbrot erschien regelmäßig Professor Weidner auf unserer Veranda, ein großer, rotgesichtiger Mann mit weißem Haar und in weißem Kittel; er blieb eine Weile bei uns und hatte eine delikate Art, mir ein winziges Stückchen Butter auf jedes Radieschen zu legen und mich eigenhändig zu füttern. Am schönsten war das Frühstück, das zumeist ebenfalls auf der Veranda eingenommen wurde, manchmal aber auch vor unseren Fenstern im Park, wo sich viele Bekannte an einem großen Tisch unter Sonnenschirmen einfanden, vorsichtig trat ich auf den knirschenden Kies, die jungen Männer trugen Halstücher aus changierender Seide und Tennishosen, hell klang das Lachen meiner Mutter, sie hatte das rotblonde Haar, den durchsichtigen Teint ihrer Heimat, ich saß zwischen ihr und der Schau-Heimat, Pola Negri, deren pelzgefütterte Morgenschuhe ich bewunderte. Am liebsten aber lag ich in meinem Zimmer und las. Ich hatte viele Bücher mit, Andersen und Peterchens Mondfahrt und die Träumereien an französischen Kaminen. Aber ich war auch bereits ein Zeitungsleser, täglich brachte man mir die BZ am Mittag, die den umfangreichsten Sportteil aller deutschen Zeitungen aufwies, denn ich interessierte mich für Sport und wurde darin von meinem Vater bestärkt, der mich schon zu Boxkämpfen und zum Sechstagerennen mitgenommen hatte. Manchmal fiel ein unaufmerksamer Blick auch auf die politischen Seiten der Zeitung, die ich rasch umblätterte.

An einem dieser Sommertage aber wurde von einer schreienden Zeile auf der ersten Seite gefesselt: Der Außenminister Walther Rathenau war ermordet worden. Die Bedeutung des Ereignisses erfaßte ich natürlich nicht: Ich wußte nicht einmal, was eigentlich ein Außenminister ist. Aber ich hörte eine Weile in meiner Umgebung von nichts anderem reden. Und während bis dahin eine Gewalttat von mir auf eine beinahe milde, entschärfte Weise wahrgenommen worden war, weil sie stets der Welt meiner Bücher angehört hatte, einer Welt, die letzten Endes immer alles wieder in rechte Bahnen zu lenken wußte, so daß schließlich das Schreckliche seine Schrecken verlor, fühlte ich, daß hier etwas in der Wirklichkeit geschehen war, etwas Nichtwiedergutzumachendes und unmittelbar vor den Toren, die mich so sicher vor den Gefahren des Lebens behütet hatten. Eine Bemerkung, die ich in diesen Tagen hörte, daß mein Vater nämlich diesen Rathenau, wenn auch nur flüchtig, gekannt hatte, trug zu meiner wachsenden Angst bei: Der Tote stand in einer Beziehung zu mir, zum erstenmal war der Schatten einer Wirklichkeit auf mich gefallen, von der ich bis dahin nichts geahnt hatte. In den folgenden Tagen las ich mehr über das Attentat und seine Auswirkungen: Die Arbeiter hatten den Generalstreik erklärt, die Polizei verfolgte die Mörder, die Offiziere waren, sie stellte auf einer Burg in Mitteldeutschland, wo die Attentäter Widerstand leisteten und sich schließlich selbst töteten. Kurz vor diesem Ende hatte sich meine Angst so weit gesteigert, daß ich eines Tages, als meine Mutter wieder einmal abwesend war, einen Schreikrampf bekam: Ich sah das Land, die Städte vor mir, von maskierten Mördern erfüllt, und ich war sicher, daß meine Mutter ihnen gerade in die Hände gefallen war. Herbeieilende Ärzte und Schwestern vermochten kaum mich zu beruhigen, das gelang erst meiner Mutter, die bald danach eintraf.

Der Außenminister war begraben, die Mörder und ihre Komplizen waren tot oder verhaftet, der Sommer wölbte sich von neuem grün und golden über den Gesprächen unserer Freunde, über dem Lachen meiner Mutter. Was tat es, daß ich sie nicht allein für mich hatte, daß immer andere noch um uns waren, ich empfand eine süße, einschläfernde Langeweile, während ich in meinem weißen Matrosenanzug meinen Stuhl auf dem Kies wippen ließ, es konnte nichts geschehen, es konnte mir nichts geschehen, niemand wollte mir Böses, wie gut waren doch die Erwachsenen und wie klug, wie genau kannten sie sich aus in der für mich undurchschaubaren Welt, immer stand Brot und Milch da für mich, wartete meine Geige oder ein Buch oder das Bett, wenn ich müde war. Jemand brachte mir etwas, das ich brauchte, jemand half mir beim Ankleiden, jemand fragte mich eine Lektion ab, mehr war da nicht, es war das Leben, es machte müde und glücklich. Ich ließ den Kopf in den Nacken sinken, hoch über mir zerrannen die Wolken, die nie mehr ganz so sein würden wie in diesem Augenblick. Wir würden nach Berlin zurückfahren, auch dort würde es solche Stunden geben, wenn meine Mutter mich ins Esplanade mitnahm, was freilich selten geschah, um mich ihren Bekannten zu zeigen, auch dort würde dieses Schwirren um mich sein, Bienen und Wespen über den Kuchentellern, dieses Schwirren freundlicher Stimmen, ich würde auch ohne Widerwillen auf die Kapelle hören und die schrecklichen Portamenti des Primgeigers, nur noch dazu der ferne Lärm vom Potsdamer Platz, das Gewölk am Himmel, das Gewölk an der Unterseite der Lider. Jetzt war ich fast gesund, ich war es ganz, eines Morgens war der Schmerz fort, plötzlich wie er gekommen war, ich ging und sprang wie zuvor, der Schmerz kam nie wieder, es war nichts mit der Tuberkulose, Professor Weidner hatte recht behalten.

Ich war gesund und reiste ab mit meiner Mutter und Heinrich und den Pferden, wieder zurück in den Norden dieser Republik, die schon starb, ehe sie wirklich zu leben begonnen hatte.

Gegen Abend stieg ich den Hügel hinab, auf dem das Haus lag, quer durch ein kurzes Waldstück, vorbei am Gärtnerhaus, von dem die Tauben gurrten. Jenseits der Straße befand sich der Bootssteg, auf dem ich mich niederließ, um Gedichte zu schreiben. Rechts von mir sah ich die Brücke von Ferch, vor mir lag die Havel, im Abend erblassend, dann dunkler werdend. An manchen Stellen entzündete die tiefstehende Sonne die Gewässer; durch das jähe Sprühen des Lichts schwammen kleine, hurtige Taucher. Die fernen und nahen Rufe der Vögel hatten einen zögernden, ermüdeten Klang.

Ich hatte vom elften, zwölften Lebensjahr an Gedichte geschrieben. Meist orientierten sie sich an anderen Gedichten, die mir gefielen, an einem Gedanken, den ich in ihnen gefunden hatte. Mich interessierten poetische Formen, ich versuchte mich an achtzeiligen Stanzen und Sonetten. Noch mitten im Versuch begriff ich, daß, was ich da schrieb, nichts taugte. Ich fühlte, daß meine Gedanken nicht wert waren mitgeteilt zu werden, daß ich andererseits nicht imstande war, das Empfundene oder Gedachte der von mir gewählten Form zu unterwerfen. Von Zeit zu Zeit vernichtete ich, was sich bei mir angesammelt hatte, aber meine kindliche Eitelkeit wollte auch nicht darauf verzichten, dies und jenes meinen Eltern und manchen Bekannten meiner Eltern zu zeigen. Das von mir herbeigewünschte Lob, das mir auch reichlich zuteil wurde, beschämte mich, sobald ich es empfing.