Seit Jahresbeginn hat die Aktie von AEG/Telefunken mehr als 21 Prozent ihres Wertes eingebüßt, Erstmals seit langer Zeit blieb der Kurs unter 60 Mark, Sein Verfall drückt deutliche Zweifel an dem von Walter Cipa, dem Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, proklamierten Ziel aus, für das Geschäftsjahr 1980 die Dividendenzahlungen aufnehmen zu können.

In der für die Mitarbeiter von AEG/Telefunken bestimmten Zeitung „Report“ beklagt Friedrich Bender, für die Öffentlichkeitsarbeit im Konzern zuständig, „die schlechte Presse“, die sein Haus seit Ende vorigen Jahres hat. Ausgelöst sei dies, so meint Bender, durch die Ankündigung eines Verlustes von mehr als 300 Millionen Mark im Geschäftsjahr 1978.

Nun hat die Öffentlichkeit schon seit etlichen Jahren Grund, sich kritisch mit AEG/Telefunken auseinanderzusetzen. Wenn hierin in letzter Zeit eine gewisse Eskalation eingetreten ist, dann sicherlich sieht ohne Ursache: Natürlich Spielen dabei auch wirtschaftliche Fakten eine Rolle. Doch ein ebenso großes Ärgernis bilden die Personalprobleme. Ein Vorstand, in dem es zugeht wie in einem Taubenschlag, kann nicht in der Lage sein, ein angeschlagenes Unternehmen Wieder in Ordnung zu bringen. Zuletzt nahmen im vergangenen Dezember drei Vorstandsmitglieder ihren Hut.

Nun mag in dem einen oder anderen Falle die Auswechslung von Vorstandsmitgliedern durchaus am Platz gewesen sein. Was bei AEG/Telefunken jedoch bedenklich stimmt, ist die Häufigkeit der Vorstandsveränderungen. Sie läßt nur den Schluß zu, daß hier eine Figur mit Integrationsvermögen fehlt. Nicht umsonst haben in den vergangenen Jahren viele Spitzenkräfte die AEG verlassen, ein Prozeß, den sich der Konzern in seiner gegenwärtigen Lage nun wirklich nicht leisten kann.

Immer spürbarer macht sich jetzt das Fehlen von Jürgen Ponto, dem bis zu seiner Ermordung langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden und Sprecher der Dresdner Bank. In kritischer Zeit (der AEG-Kurs War 1974 auf 49 Mark zurückgefallen) hatte Ponte sein Prestige auf die Waagschale der AEG geworfen und damit das Schlimmste verhütet. Er und der im vergangenen Monat verstorbene Hans Leibkutsch, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und stellvertretender AEG-Aufsichtsratsvorsitzender, haben große Teile ihrer Arbeitskraft der Sanierung von AEG/Telefunken gewidmet und die eingeleitete Umstrukturierung mitgetragen, wobei nach außen hin allerdings der Eindruck entstanden war, daß die Dresdner Bank den AEG-Konzern allein unter ihre finanzstarken Fittiche genommen hatte. In der Dresdner Bank war man angesichts der AEG-Sanierungsrisiken über diese in der Öffentlichkeit Weit Verbreitete Meinung nicht überall glücklich. Inzwischen ist man auf etwas mehr Distanz zur AEG gegangen. Denn immer häufiger ist von der gemeinsamen Verantwortung der Banken die Rede. Nachfolger Pontos im Aufsichtsratsvorsitz wurde ein „neutraler“ Mann, nämlich Bernhard Timm, gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der BASF.

Immer mehr verdichten sich die Gerüchte, wonach der Aufsichtsrat von AEG/Telefunken die Arbeit des von ihm bestellten Vorstandsvorsitzenden Cipa zunehmend mit Kritik überzieht, Daß nicht mehr eitel Eintracht herrscht, Weiß man spätestens seit der vorjährigen Hauptversammlung, als die im Aufsichtsrat vertretenen Großbanken Cipa eine Schlappe beibrachten. Cipa strebte damals eine Stimmrechtsbeschränkung auf 10 Prozent des Aktienkapitals an, um gegen eine unerwünschte Überfremdung geschützt zu sein. Die Großbanken gingen in diesem Punkt von der Gepflogenheit ab, ihrer Depotkundschaft die Annahme der Verwaltungsvorschläge zu empfehlen, sondern erbaten in Sachen Stimmrechtsbeschränkung um Sonderweisung, andernfalls würde zu diesem Punkt der Tagesordnung Stimmenthaltung geübt werden. An diesem Verhalten scheiterte in der Hauptversammlung Cipas Plan, wobei immer noch ungeklärt ist, warum die im Aufsichtsrat vertretenen Großbankenvertreter dem Cipa-Plan ausdrücklich zugestimmt haben, die Banken selbst aber sich mit den Plänen ihrer zuständigen Vorstandsmitglieder nicht identifizieren wollten. Auch unter dieser Affäre hat der AEG-Kurs gelitten. Denn sie wirft schließlich die Frage auf, welchen Rückhalt die AEG bei ihren großen Gläubigern noch besitzt, bei denen sie mit 3,2 Milliarden Mark in denBüchern steht.

Nun zu den wirtschaftlichen Fakten, meine verehrten Leser: Der 1978 bei AEG/Telefunken eingetretene Bilanzverlust von mehr als 300 Millionen Mark macht etwa ein Drittel des Aktienkapitals von 930 Millionen Mark aus. Ist es da ein Wunder, wenn man sich an der Börse Gedanken über einen eventuell notwendig werdenden Kapitalschnitt macht? Natürlich ist er gegenwärtig weder zwingend notwendig noch sinnvoll.