Von Heinz Josef Herbort

Die erste Begegnung ist sensationell. Da fliegt man eineinhalb Stunden lang und sieht nichts als tiefblauen Himmel und dichte flockige Wolkenwatte, hat bereits die triste Vorahnung, daß es „da unten“ im Süden kaum weniger trostlos verhangen sein werde als im bundesrepublikanischen Norden – und graut sich. Die Anschnallzeichen sind längst wieder eingeschaltet, das Rauchverbot verkündet die baldige Landung, da endet plötzlich – wie mit dem Lineal gezogen verläuft die Front – die Wolkenschicht, die Sicht wird frei, man erblickt: ein blaues Meer. „Kann doch nicht sein“, denkt man, „du wolltest doch Ski fahren.“ Aber Sekunden später, nach einer Linkskurve und spürbarem Sinkflug, während in der Reihe vor einem ein Côte-d’Azur-Spezialist Cannes erkennt und das Cap d’Antibes und Juan-les-Pins und St. Laurent, werden über der Küste Berge sichtbar, Schneekuppen, bläulichweiß und gleißend. Und während man noch berauscht auf die Schlagsahnehaufen starrt, kurz erschrickt – „Das Fahrwerk wird doch nicht ins Wasser tauchen?“ –, setzt die Maschine scheinbar direkt hinter der basaltnen Uferbefestigung auf der Landebahn von Nizza auf.

Frühling, denkt man auf dem Weg zum Empfangsgebäude – was Wunder, wir befinden uns auf der Höhe von Florenz, und um zwei Schritte beschwingter strebt man auf die Paßkontrolle zu. „Das Taxi wartet vor dem Ausgang“, hatte es geheißen.

Das Taxi ist nicht da. Überhaupt nichts ist da. Kein Mensch weiß was. Telephon? Die Post befindet sich im ersten Stock. Irgendwann fällt beiläufig das Wort „avalanche“. Der Kontakt-Manager wohnt irgendwo auf dem Weg nach Villeneuve. Nach Isola Deux Milles – nein, sagt er, heute können Sie da nicht hin; eine Lawine hat die Straße versperrt. Morgen? Vielleicht. Fahren Sie ins Hotel Sowieso, wir informieren Sie. Und da erinnert man sich: Der Werbeprospekt hatte stolz eine Bauchbinde getragen, die verkündete, daß Isola 2000 im Winter 1976/77 den französischen „Schneefallrekord“ innehatte. Zuerst klang das toll, aber die Medaille hatte offenbar auch eine Kehrseite.

Nizza bereitet sich vor auf den Blumenkorso, die Tribünen sind gerichtet, die Girlanden gespannt. Die Austernrestaurants am Cours Saleya in der Altstadt sind überfüllt, während die kleinen Lokale am Port Lympia meist noch geschlossen sind. Nicht so St-Moritz, die Bouilliabaisse ist. exzellent, der Sancerre angemessen trocken. So überwindet man Schocks.

Wie lange wir – inzwischen haben sich mehrere Lawinengeschädigte solidarisieren können (müssen, dürfen) – gewartet haben, ist uninteressant. Irgendwann hat die Schneefräse den Weg freigekratzt. Die Fahrt ins Var-Tal hinauf (N 202) ist zunächst langweilig, dann kurvenreich, schließlich, entlang dem Lauf der Tinée (D 205) abenteuerlich, zwischen schroffen Feisen hindurch über Fahrspuren im Eis wie auf Schienen.

Auf 873 Meter Höhe macht Isola den Eindruck, als habe hier jemand mit Gewalt etwas aus dem Schlaf geweckt: ein Bauerndörfchen, in das der Durchreise-Tourismus einfällt und gelegentlich zum Aushalten, Kaffeetrinken, Sandwich-Essen verdammt wird, wenn nämlich die Leuchtschrift verkündet, daß die Zufahrt zur hoch in den Bergen liegenden „Ski-Station“ gesperrt ist. Der Aufstieg geht wieder über eine kurvenreiche, aber eigentlich gut ausgebaute Straße, nur an einer Ecke gibt es dieses vermaledeite Nadelöhr, wo’s manchmal, wie gesagt, von oben prasselt.